Lucien Fave weiß, wie das Geschäft läuft.
Der Trainer von Borussia Mönchengladbach weiß deshalb auch, dass mit dem Erfolg die Erwartungen steigen. Und deshalb wird der Schweizer nicht müde, die Erwartungen an die neue Saison zu dämpfen.
„Das, was Borussia in der vergangenen Saison erreicht hat, ist alles andere als eine Selbstverständlichkeit“, sagte er nach Platz sechs und dem Erreichen der Europa-League-Qualifikation. Soll heißen: Die neue Saison wird kein Selbstläufer.
Personell gewappnet
Die Borussia hat sich allerdings personell gewappnet. Die meisten Leistungsträger konnten gehalten werden, der Kader wurde sogar noch qualitativ wie quantitativ verstärkt.
Zeit für den nächsten Schritt also? Favre bleibt zurückhaltend. „Für uns geht es darum, die guten Leistungen der vergangenen Saison zu bestätigen – und das wird angesichts der Konkurrenz schwer genug“, so Favre.
Konkurrenz wie zum Beispiel der HSV, der VfB Stuttgart oder Hannover 96. Klubs, die vom Potenzial her ebenfalls nach Europa schielen. Und auf Distanz gehalten werden sollen. Ein wachsamer Blick nach hinten, ein vorsichtiger nach vorne also. „Wer nur nach vorne blickt, der verliert“, sagt Sportdirektor Max Eberl.
SPORT1 stellt die neue Borussia vor.
Die Zu- und Abgänge
Die Gladbacher überraschten erneut mit Transfers der Kategorie qualitativ hochwertige Schnäppchen. Neu-Nationalspieler Andre Hahn kam für 2,5 Millionen Euro aus Augsburg, Ibrahima Traore (VfB Stuttgart) und WM-Teilnehmer Fabian Johnson aus Hoffenheim sogar ablösefrei nach Mönchengladbach. Thorgan Hazard wurde zudem für ein Jahr vom FC Chelsea ausgeliehen.
Es sind die Gladbacher Maßnahmen gegen das finanzielle Ungleichgewicht im Vergleich zu den deutschen Top-Klubs. Eine weitere ist die eigene Nachwuchsarbeit, die Talente wie Mahmoud Dahoud, Nico Brandeburger, Marvin Schulz oder Marlon Ritter an die Profis heranführt.
Der Schweizer hat nicht mehr nur 13 oder 14 Stammspieler, sondern noch mehr Variationsmöglichkeiten im taktischen Bereich. Jede Position ist inzwischen mindestens doppelt besetzt. Nicht wenige sprechen vom besten Kader der vergangenen Jahre.
Keine Chance hatte die Borussia gegen die sowohl finanzielle als auch sportliche Aura des FC Barcelona. Eigengewächs und Leistungsträger Marc-Andre ter Stegen zog es zu den Katalanen.
Die Ablöse im zweistelligen Millionenbereich nutzte Eberl und verpflichtete den Schweizer Nationalkeeper Yann Sommer als Ersatz. Der merkte bei allen Vorschusslorbeeren jedoch bereits: Aller Anfang ist schwer (Sommers harter Weg zur Identifikationsfigur).
Im Angriff soll nach dem Abgang des einstigen Königstransfers Luuk de Jong (PSV Eindhoven) noch nachgebessert werden.
Der Trainer
Seit Lucien Favre Trainer in Mönchengladbach ist, denkt man bei der Borussia nur noch von Spiel zu Spiel. Also seit mehr als drei Jahren. Aber mit Favre kam auch der Erfolg zurück, Hand in Hand mit lange vermisster Kontinuität rund um den Klub. Nach dem Last-Minute-Klassenerhalt in der Relegation 2011 folgten Platz vier, acht und sechs.
Der Schweizer ist ein akribischer Fußball-Besessener, ein Fachmann mit der Liebe fürs Detail. Favre hat ein Auge für den Nachwuchs, viele Ex-Spieler betonen stets, dass er sie besser gemacht habe.
Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass er auch nach Siegen oft unzufrieden ist. Denn Favre ist immer auf der Suche nach dem perfekten Spiel. Er ist Meister im Understatement, jeder Gegner ist bei dem Schweizer immer der Schwerste. Das wird sich auch nicht mehr ändern.
Die Stars
In aller Munde ist derzeit der frisch gebackene Weltmeister Christoph Kramer, der nach seinem Bilderbuch-Sommer mit anschließendem Party-Marathon aber gerade erst wieder ins Training eingestiegen ist. Da die Konkurrenz auf der Sechs in Gladbach sowieso groß ist, könnte sich Kramer zu Saisonbeginn sogar erst einmal auf der Bank wiederfinden.
Offensiv hofft die Borussia wieder auf ihr Erfolgsduo. In der vergangenen Saison waren Max Kruse (12 Tore/12 Vorlagen) und Raffael (14/8) maßgeblich am Erreichen der Europa-League-Quali beteiligt.
Die Zielsetzung
Wie immer eine Mischung aus Realismus und Vorsicht. „Wir wollen erneut einen einstelligen Tabellenplatz erreichen, was dann das vierte Mal in Folge der Fall wäre. Mit dieser Zielvorgabe werden wir in die Saison gehen“, stellte Eberl klar.
Dabei hat die Borussia das internationale Geschäft immer im Blick. Dank des kompakten Auftaktprogramms mit dem DFB-Pokal (beim FC Homburg), der Europa-League-Qualifikation (beim FK Sarajewo) und der Bundesliga (Saisonstart gegen den VfB Stuttgart) gibt es innerhalb von nur einer Woche eine erste ernsthafte Standortbestimmung. Und einen ersten Beweis, wie breit der Kader von der Qualität her wirklich ist. Denn Kruse wird zum Auftakt fehlen.
Die SPORT1-Prognose
Die Borussia hat sich klug verstärkt, ist nicht mehr so leicht auszurechnen wie in der Rückrunde der abgelaufenen Saison. Die Einstelligkeit wird es allemal, mit dem Kader sollte die Europa League eigentlich ein Muss sein. Sollte ein Klub aus den Top Fünf schwächeln, könnte das die Chance für mehr sein.