Selten wirkte ein „Tag der Fans“ beim SV Werder so gelungen wie die 20. Auflage am vergangenen Sonntag.
Beinahe 50.000 Menschen strömten bei Bilderbuchwetter zum Weserstadion, denn die Veranstaltung hat sich über die Jahre zu einem Event entwickelt, an dem sich grün-weiße Träume erfüllen.
Hier ein Autogramm, dort ein Souvenir. Doch diesmal kam es zum Höhepunkt, als die Bremer Profis den FC Chelsea mit 3:0 abfertigten.
Im Gegensatz zu früher, als solche Klubs im Rahmen der Champions League regelmäßig in der Pauliner Marsch vorspielten, war das zwar nur ein Freundschaftsspiel, aber allemal beste Unterhaltung.
„Oh wie ist das schön“, tönte es von den Rängen. Und manch einer schwelgte in den Erinnerungen an die alten Zeiten.
Huldigung der alten Helden
Das ist gleichzeitig das Erstaunliche an diesem Standort: Man huldigt die alten Helden aus der Vergangenheit ? die Akteure aus dem Doublejahr 2004 schrieben auch fleißig Autogramme-, nimmt aber in der Gegenwart hin, dass Titel in weiter Ferne sind.
Es fehlt schlicht das Geld, um im Konzert der Großen mitzuspielen.
In den drei vergangenen Jahren steckte Werder teilweise mitten im Abstiegskampf, doch die Fans entwickelten sich tatsächlich zum „zwölften Mann“.
Mit bemerkenswerten Aktionen trieben sie die Mannschaft dazu, das Minimalziel zu erreichen.
Und diese Saison? SPORT1 stellt Werder vor:
Die Zu- und Abgänge
Mit Aaron Hunt, der ablösefrei zum VfL Wolfsburg ging, fehlt das Herzstück der Offensive. Der Vizekapitän spielte eine starke Saison (sieben Tore/neun Vorlagen) und hinterlässt eine Lücke.
Der Abgang des kampfstarken Allrounder Aleksandar Ignjovski (Eintracht Frankfurt) ist zu verschmerzen, der talentierte Niklas Füllkrug (1. FC Nürnberg) wollte woanders einen Neuanfang.
Die wichtigsten Neuzugänge haben allesamt keine Ablöse gekostet: Mit dem bosnischen WM-Teilnehmer Izet Hajrovic, der sich mit Galatasaray Istanbul wegen ausstehender Gehaltszahlungen überworfen hatte, könnte Geschäftsführer Thomas Eichin ein Schnäppchen gelungen sein. Der spanische Defensivallrounder Alejandro Galvez verriet ebenso gute Ansätze wie der aus der zweiten Liga vom FC St. Pauli geholte Offensivmann Fin Bartels. Gemessen am Preis-Leistungs-Verhältnis hat Werder gut eingekauft.
Der Trainer
Robin Dutt geht ins zweite Jahr und hat sich vom ersten Tag an authentisch auf seinen Arbeitgeber eingelassen.
Aus dem in Stuttgart beheimateten Fußballlehrer und früheren DFB-Sportdirektor wird man nie einen typischen Bremer machen, aber das ist nicht der Anspruch. Der 49-Jährige arbeitet gewissenhaft, weiß sich zu verkaufen ? und will das Team Schritt für Schritt nach vorne bringen.
„Zusammenhalt und Teamgeist sind einzigartig“, hat Dutt auf dem „Tag der Fans“ gesagt. Mit den finanziell schwierigen Rahmenbedingungen hat er sich auch vom ersten Tag an arrangiert.
Die Stars
Tim Wiese, Per Mertesacker, Tim Borowski, Torsten Frings oder Mesut Özil: Teilweise fuhr ein Kleinbus zur Nationalmannschaft, dazu beschäftigte Werder Stars wie Claudio Pizarro.
Die Zeiten sind vorbei. Entsprechend ist das Starpotenzial geschrumpft. Für Aufsehen kann immer noch Flügelflitzer Eljero Elia sorgen ? leider auch abseits des Platzes. Am ehesten Ist Izet Hajrovic zuzutrauen, fußballerisch Akzente zu setzen.
Der 23-Jährige gilt als dribbelstark, der vom rechten Flügel oft ähnliche Bewegungen wie Arjen Robben macht. Der neue Direktor Profifußball Rouven Schröder sieht Hajrovic nahe an der Weltklasse, Geschäftsführer Thomas Eichin sieht in ihm „eine Mischung aus Kevin de Bruyne und Aaron Hunt“.
Die Zielsetzung
„Wir wollen einen einstelligen Tabellenplatz, Das ist unser Ziel“, gibt Eichin die Marschroute aus.
Für den Zwölften der vergangenen Spielzeit wäre das ein Fortschritt. Und es soll als Zwischenschritt dienen, um irgendwann wieder an die internationalen Fleischtöpfe zu gelangen, von denen die Hanseaten in der Ära Thomas Schaaf und Klaus Allofs so lange zehrten.
Vorstandschef Klaus Filbry hofft, „in drei bis fünf Jahren hier wieder internationalen Fußball zu sehen.“
Schließlich spielt Werder mittlerweile die vierte Saison nicht im Europapokal und wird auch in der abgelaufenen Saison wieder ein kräftiges Minus verbuchen. Eichin muss den Spagat vollbringen, einerseits wirtschaftlich zu gesunden, andererseits sportlich zu wachsen.
Die SPORT1-Prognose
Werder scheint ein typischer Anwärter auf einen Mittelplatz. Für das vordere Drittel fehlt die individuelle Qualität, für einen Abstiegsplatz tritt das Kollektiv zu stark auf.
Trainer und Manager arbeiten gut zusammen, trotz des Hunt-Weggangs wirkt der Kader keinesfalls schlechter als in der Vorsaison.