Von Jonas Nohe

München – Es waren Tage zum Träumen.

Bayern München, Borussia Dortmund, Celtic Glasgow. Ein Hauch von Europapokal lag in der Luft.

„Das war eine schöne Sache für den MSV Duisburg und für die Stadt insgesamt“, sagt Sportdirektor Ivica Grlic im Gespräch mit SPORT1 rückblickend über den Besuch der Bayern.

Nicht weniger, aber eben auch nicht viel mehr (DATENCENTER: Spielplan Dritte Liga).

Ab Samstag weht bei den „Zebras“ wieder ein anderer Wind. Genau wie bei den Ligarivalen VfL Osnabrück und Dynamo Dresden, die in der Vorbereitung ebenfalls klangvolle Namen zu Gast hatten.

Mit dem Saisonstart in der Dritten Liga (Sa. ab 14 Uhr im LIVE-TICKER) kehrt die harte Realität zurück – und die Gegner in den kommenden Wochen heißen Sonnenhof Großaspach, Hallescher FC oder Holstein Kiel.

Und selbst dafür mussten die drei Traditionsvereine aus Dresden, Duisburg und Osnabrück in den vergangenen Monaten hart kämpfen.

„Das Projekt Lizenzsicherung war aus zweierlei Gründen kein einfaches Unterfangen“, erklärt VfL-Geschäftsführer Jürgen Wehlend bei SPORT1: „Einerseits ist die Dritte Liga ohnehin kein leichtes Pflaster, mit dem Anspruch an der Spitze mitzuspielen.“

Zum anderen habe sein Verein immer noch mit einer „Vertrauenskrise“ zu kämpfen, bedingt durch den Wettskandal 2009, die Steueraffäre 2011, den Zweitliga-Abstieg 2011 und die Führungskrise mit dem Rücktritt des Präsidenten im Januar 2014.

„Das alles hat es uns nicht leicht gemacht, dennoch die Lizenz zu sichern“, sagt Wehlend.

Auch Grlic blickt auf schwierige Wochen mit „tagtäglich harter Arbeit“ zurück. „Natürlich war das für alle Mitarbeiter im Verein eine schwierige Situation, weil man wirklich 24 Stunden zu tun hat und dann doch an die Grenzen geht“, erklärt Duisburgs Sportdirektor.

Die Not aber machte erfinderisch.

Um die vom DFB geforderte Liquiditätsreserve zusammen zu bekommen, holte der VfL Osnabrück die eigenen Fans ins Boot – und startete eine Crowdfunding-Aktion.

„Das war sicherlich ein Novum im deutschen Profifußball“, sagt Wehlend zu der Aktion, bei der 400.000 Euro in Form von Darlehen gesammelt werden sollten: „Die Herausforderung war, in kurzer Zeit relativ viel Geld generieren zu müssen.“

Es wurde mehr als erwartet.

Über 500.000 Euro wurden letztlich gezeichnet und ermöglichten den Lila-Weißen sogar noch zusätzlichen finanziellen Spielraum.

In Duisburg wurden die Fans angesichts der existenzbedrohenden finanziellen Schieflage ihres MSV selbst aktiv.

Ende Mai riefen die Anhänger der Zebras zu einem „Flash-Shop“ auf, bei dem der Fanshop des Vereins leergekauft werden sollte. An einem Tag kamen so über 100.000 Euro zusätzliche Einnahmen zusammen.

„Wenn man sieht, was sich unsere Fans immer wieder einfallen lassen, das ist schon einmalig“, sagt Sportdirektor Grlic beeindruckt und fügt hinzu: „Natürlich ist es immer ein schönes Gefühl, zu wissen, dass man solche Fans im Rücken hat.“

Dieses Gefühl kennt man aus der Vergangenheit auch bei Dynamo Dresden. In der vergangenen Abstiegssaison in der Zweiten Liga ging es zuletzt allerdings etwas verloren.

„In der letzten Saison hatte man das Gefühl, dass es ein kleines bisschen auseinander läuft“, sagt Sportgeschäftsführer Ralf Minge bei SPORT1 über das Verhältnis zwischen Mannschaft und Fans.

Man habe sich daher für die neue Spielzeit „ganz deutlich auf die Fahne geheftet, dass Mannschaft und Fans, aber auch die Sponsoren wieder enger zusammenrücken.“

Im Kampf um die Drittliga-Lizenz nach dem Abstieg hat das bereits gut funktioniert.

„Es gab sicherlich ein paar Hausaufgaben“, sagt Minge, „aber mit der Unterstützung der Stadt und unseren Partnern haben wir diese gut lösen können.“

Nichtsdestotrotz ist die finanzielle Lage bei den Sachsen weiter angespannt.

„Es ist ganz einfach so, dass wir vom Budget her maximal im Durchschnitt der Dritten Liga sind, eher noch einen Tick darunter“, sagt Minge, dessen Verein im Vergleich zur Zweiten Liga finanziell „gravierende Einschnitte“ hinnehmen musste.

Dass die Erwartungshaltung rund um den Klub dennoch weiterhin sehr hoch ist, sieht der ehemalige Dynamo-Profi daher nicht allzu gerne.

„Immer schön die Bleischuhe anbehalten“, rät Minge dem Dresdner Umfeld gerade nach dem 1:1 im Test gegen Champions-League-Teilnehmer Celtic Glasgow, das er auch ausdrücklich nicht als Achtungserfolg verbucht haben will.

„Wir haben letztes Jahr ein Testspiel gegen den Hamburger SV mit 4:0 gewonnen“, erinnert Minge, „da hat jeder wahrscheinlich eher vom Aufstieg in die Bundesliga geträumt als vom Abstieg oder Klassenerhalt.“

Keine zwölf Monate später ist der achtmalige DDR-Meister erneut in der Drittklassigkeit angekommen. Wie zuvor schon Duisburg, Osnabrück und zahlreiche weitere Traditionsvereine.

Und der Weg zurück nach oben ist steinig.

„Langfristig wollen wir uns in die Zweite Liga etablieren“, sagt Wehlend bei SPORT1 über die Ziele in Osnabrück: „Aber wir sind eben auch realistisch und können nicht sagen, wie lange wir brauchen, um dieses Ziel zu erreichen.“

In Duisburg und Dresden ist man sogar noch zurückhaltender.

Man wolle „einfach versuchen, gut in die Saison zu starten“, sagt MSV-Sportdirektor Grlic. In Dresden hat die neuformierte Mannschaft von sich aus einen einstelligen Tabellenplatz als Ziel ausgegeben.

Die Verantwortlichen sind sich bewusst, dass Tradition alleine keine Garantie für Erfolg in der Gegenwart ist.

Zumal dank langfristiger Planung und entsprechender finanzieller Rahmenbedingungen immer mehr Emporkömmlinge im Aufstiegskampf mitmischen – siehe RB Leipzig und 1. FC Heidenheim, die im Vorjahr den ersten Zweitliga-Aufstieg ihrer Vereinsgeschichte perfekt machen konnten.

Der Vorteil dieser Vereine: Sie haben keine Altlasten.

„Man muss immer schauen, welche Infrastruktur Vereine über Jahrzehnte geschaffen haben und inwiefern diese die Klubs wirtschaftlich belasten“, sagt Osnabrücks Geschäftsführer Wehlend aus eigener Erfahrung.

Gerade nach einem Abstieg aus der Zweiten Liga sei die Umstellung enorm.

„Allein der Unterschied bei den medialen Verwertungsrechten von vier Millionen Euro ist ein Indiz dafür, dass hier eine riesige Lücke klafft.“

Die Kosten der Drittliga-Vereine seien dennoch nahezu identisch.

„Die Dritte Liga ist in dem Bereich unterfinanziert“, klagt Wehlend: „Das sind Dinge, die wir nur immer wieder ansprechen können. Aber letztendlich bleibt es natürlich eine Verantwortung der Klubs, wirtschaftlich sinnvoll zu agieren.“

Und trotzdem verleitet die Aussicht auf sportliche Erfolge immer wieder dazu, finanzielle Risiken einzugehen. In dieser Drittliga-Saison vielleicht mehr denn je.

Schließlich erwartet Minge eine „ausgeglichene und spannende Saison.“ Grlic spricht sogar von der „stärksten Dritten Liga seit Bestehen.“

In Dresden, Duisburg und Osnabrück hat man aber offenbar die notwendigen Lehren aus der Vergangenheit gezogen. Mit planvollem Vorgehen wollen sich die Traditionsklubs wirtschaftlich wieder stabilisieren.

Wenn dann irgendwann auch noch der sportliche Erfolg zurückkehrt, sind die nächsten Tage zum Träumen nicht mehr weit.