Der Fall schien unlösbar.
Die Neue Osnabrücker Zeitung wollte neulich eine kuriose Geschichte wieder aufwärmen, die vermeintlich Jubiläum feiern würde und dem Vorläufer des Drittligisten VfL vor etwa 100 Jahren passiert war.
Damals waren die Kicker wegen Unterbesetzung nicht zum Auswärtsspiel in Recklinghausen erschienen und hatten sich von einem korrupten Bahnbeamten einfach bescheinigen lassen, ihr Waggon sei irrtümlich abgehängt worden.
Glatt gelogen, wie alsbald herauskam, als der Skandal vor Gericht ging. Aber wann genau war das?
Im Winter 1920/21 oder 1921/22? Die Vereinschronisten wussten ebenso wenig weiter wie die Redakteure, das Zeitungsarchiv hatte so seine Lücken. Da schalteten sie den Mann ein, der seit 20 Jahren dafür lebt, Uralträtsel deutscher Fußballgeschichte zu lösen: Udo Luy (74).
Für die Welt am Sonntag ist er „die Schiedsstelle für alle Streitfälle aus der Steinzeit des Fußballs“.
Auch der DFB profitiert von seiner Arbeit
Der Mann aus Kleinrinderfelde bei Würzburg brauchte zwar auch ein paar Stunden für den kuriosen Fall, dann aber hatte er die Antwort: Der Bubenstreich fiel noch ins Jahr 1920 und das Jubiläum darum aus. Es war zwar nicht die erhoffte Auskunft, aber immerhin die richtige – und die Osnabrücker Vereinsgeschichte kann nun neu geschrieben werden.
Dank des Mannes, der das größte private Sportpressearchiv im Land besitzt und oft auch für den DFB und viele Vereine die letzte Instanz ist, wenn mal wieder etwas von ganz früher recherchiert werden muss. Wie kam er in diese Rolle?
Die Leidenschaft für den Fußball wurde auch bei ihm in der Kindheit geweckt. Für Luy war eine Begegnung mit dem Kölner Nationalspieler Karl-Heinz Schnellinger prägend. Ausgerechnet Schnellinger, werden die Fußballhistoriker sagen – den kennen wir doch.
Der Verteidiger, der berühmt wurde durch ein Tor, das seiner Mannschaft letztlich nichts half, aber für die Verlängerung eines legendären Fußballspiels sorgte. Damals bei der WM in Mexiko, beim Jahrhundertspiel gegen Italien vor 51 Jahren (3:4 n. V.), gab es auch für den Verlierer viel Applaus.
Eine Begegnung, die im Gedächtnis blieb
Davon hatte noch niemand eine Ahnung, als der kleine Udo und Schnellinger sich im Frühjahr 1958 in der Fränkischen Schweiz begegneten. Die Kölner bereiten sich auf ein Spiel gegen den 1. FC Nürnberg vor. Familie Luy, in der Frankenmetropole zu Hause, spazierte am Trainingsgelände vorbei und weil Fußballer damals noch wussten, was Fan-Nähe ist, winkte Schnellinger den zehnjährigen Udo herbei.
„Komm doch mal mit“, sagte er, Luy durfte mit in die Kabine, aus der er mit Fan-Utensilien reichlich beschenkt wieder herauskam. Seitdem ist der Mann, auf dessen Visitenkarte „Fußballhistoriker“ steht, Fan dieses Spiels und des 1. FC Köln. Die Saat war gelegt.
So einem Jungen schenkt man schon mal ein Fußballbuch zum Geburtstag und „Der allwissende Fußball“ von 1959 stellte die Weichen für eine nicht alltägliche Leidenschaft, die mancher leichtfertig als Spleen abtut.
Denn Udo Luy sammelt Fußballergebnisse aus der Kaiserzeit, über 100 Jahre alte Spiele samt Datum und Tabellen entreißt er, so weit möglich, der Vergessenheit. Von den bedeutenderen Spielen trägt er auch Torschützen, Aufstellungen und Zuschauerzahlen zusammen. Seine imposanten Ausgrabungsergebnisse aus vergessenen Zeiten füllen mittlerweile 14 Bücher, die auch seltene Fotos enthalten.
Luy wollte es ganz genau wissen
Alles nur, weil er als Kind weder im Almanach noch sonst wo Näheres über die Vereine fand, die einmal zu Deutschland gehörten und es in die Endrunde um die Viktoria, den Vorläufer der Meisterschale, schafften.
Prussia Samland Königsberg, Britannia Stettin, Sportfreunde Breslau, BUev Danzig – wo kamen die bitte her und warum gab es dazu keine Abschlusstabellen? Irgendwann wusste er, warum das zumindest in der BRD keinen mehr interessierte, was auf schlesischen oder pommerschen Sportplätzen in wilhelminischer Zeit passierte. Das war ja nun der „Ost-Block“.
Aber das hieß noch nach lange nicht, sich damit abzufinden. Zunächst trat der Fußball etwas in den Hintergrund im Leben des Udo Luy, seine Karriere als Rechtsaußen von Post SV Nürnberg und SV Schwaig beendete er schon mit 18, weil er keine Brille tragen wollte – und ohne ging‘s halt nicht.
Er gründete eine Familie und verdiente sein Geld als Großhandelskaufmann, ein ausfüllendes Hobby hatte er auch: Er sammelte Schmetterlinge. Rund 70.000 Exemplare, in Europa kennt er jede Unterart. Dann fand er, dass es genug war. Doch was nun?
Luy wird zum Pionier in Sachen Fußball-Datenbanken
Zum Glück kam dieses neuartige Internet gerade in die Welt, als er dabei war, sich ein neues Hobby zu suchen – und das hatte viel mit der alten, ihn weiterhin umtreibenden, Frage zu tun: wie war das eigentlich damals im Kaiserreich mit dem Fußball? In der Stunde Null?
Es stellte sich heraus, dass sogar das Internet nicht viele Antworten zu bieten hatte – auch nicht über den Fußball in den Landesteilen, die weiterhin zu Deutschland gehörten.
Aber es wusste, was in deutschen Bibliotheken so alles an Quellen stand. Nun war der Ehrgeiz von Luy geweckt. Es brauchte einen Pionier und er betrat um das Jahr 2000 herum als Erster das Neuland auf der Jagd nach vergessenen Ergebnissen und Tabellen.
Die Süddeutsche Zeitung bezeichnete ihn dafür als „Taucher“, weil er in die Tiefe sprang, ohne den Boden zu sehen. Ihn hielt das nicht ab und weil ein Kampf erst verloren ist, wenn man ihn geführt hat, zog er aus in die großen Bibliotheken des Landes. Dafür nahm er sich stets Urlaub, mit freundlicher Genehmigung der Ehefrau, und scannte ein, was an Fußballberichten in Deutschland seit dem späten 19. Jahrhundert, als der Ball zu rollen anfing, erhalten ist.
Das Pressearchiv der Kölner Sporthochschule hat er quasi dupliziert. Von der Allgemeinen Schlesischen Sportzeitung 1911 bis zum Zabrzer Anzeiger 1903 ist alles dabei an Sportzeitungen, Sportteilen von Tageszeitungen, gebundenen Verbandsmitteilungen und DFB-Jahrbüchern. Ältestes Exemplar ist die erste Spiel- und Sportzeitung Berlin von 1893, die jüngste Zeitschrift ist von 1961. Stolz sagt Luy: „Was ich nicht habe, das gibt es nicht.“ Da war er nicht weniger Perfektionist als bei der Jagd nach den Schmetterlingen.
Keiner kennt sich mit Deutschlands Sportpresse so gut aus
Dieser Mann könnte wohl auch Hochschulseminare geben über die Geschichte der deutschen Sportpresse. Er weiß, wann welche Zeitschrift gegründet wurde, wann sie mit welcher fusionierte und wann sie eingestellt wurde. Was er kopiert hat, lagert in weit über 200 Leitz-Ordnern in einem 18 Quadratmeter kleinen Arbeitsraum im Erdgeschoss seines Hauses in Kleinrinderfeld und in Dateien auf seinen Rechnern. Es ist das Mekka für alle, für die Fußball mit dem Abpfiff nicht beendet ist.
Luy, beinahe folgerichtig seit 2002 Mitglied im Deutschen Sportclub für Fußballstatistiken (DSFS), hat sich dank zäher, nun schon 20-jähriger Arbeit, die niemand bezahlt – „acht bis zehn Stunden am Tag“ – einen Namen gemacht.
Selbst beim FC Bayern, der ihn 2018 zum „Geber-Tag“ einlud, weil er auch dem Vereinsarchiv des Rekordmeisters behilflich war. Den Zweitligisten Darmstadt 98 und Jahn Regensburg liefert er Stoff fürs Vereinsheft, der FV 04 Würzburg hat ihn zum Hauptarchivar berufen.
Im Oktober lud ihn der VfB Stuttgart zum Pokalspiel gegen seinen 1. FC Köln ein, auch das Archiv der Schwaben verdankt ihm einiges.
Natürlich stellt sich manchem die Frage nach dem Sinn seiner ausufernden Arbeit.
Es ist nichts unter seiner Würde, er hat alle verfügbaren Ergebnisse von Seniorenspielen seit Bestehen der Landesverbände – vor dem Ersten Weltkrieg waren es sieben – zusammengetragen. Es sind weit über 100.000!
Dazu 3138 Abschluss-Tabellen deutscher Ligen von 1889 bis 1914 ermittelt. Nun weiß man also (wieder) wie der Akademische SC Heidelberg 1901 gegen die zweite Mannschaft der Mannheimer FG Union 1897 in der Saison 1904/05 gespielt hat: 0:9 endete der B-Klassen-Kick am 11. Dezember 1904, damals war es übrigens ein Zweitligaspiel.
Tausende Ergebnisse und noch mehr Geschichten
Nachzulesen im 300-Seiten-Werk „Fussball in Süddeutschland 1889 – 1908″. Es enthält wie jedes andere Luy-Buch Tausende Ergebnisse in Kreuztabellen.
In manchen klaffen Lücken, was ihn nicht ruhen lässt. Doch was gibt es Schlimmeres für Sammler, als wenn sie alles hätten? Luy ist Realist genug zu wissen, dass er einigen Spielen im Nachhinein eine Bedeutung verleiht, die sie niemals hatten. Die vor einer Handvoll Zuschauer stattfanden, die womöglich sahen, wie dicke alte Männer gegen Teenager auf Tore ohne Netze spielten. Spiele, von denen in der Zeitung nur das Ergebnis stand, wenn überhaupt.
Er gestand der Heimatzeitung Main-Echo auf eine entsprechende Frage zu einem Spiel einer 13. Mannschaft (!) in Hamburg: „Das interessiert niemanden, aber ich habe es der Vollständigkeit halber erfasst.“ Ein echter Sammler eben. Die obersten Klassen hat er ja auch, inklusive Endrundenspiele um die Deutsche Meisterschaft – und Sinn ergibt es durchaus.
Dann, wenn er wieder mal Vereinschronisten aus der Verlegenheit verhilft und anlässlich von Jubiläen noch schnell das exakte Gründungsdatum liefert – oder das allererste Ergebnis, wie geschehen im Fall Carl Zeiss Jena. Da ist er gern behilflich, jedem Verein. (Kontakt: udo-luy@t-online.de)
Luy hat sich unsterblich gemacht
Luy hat Großes geleistet und in seinen Büchern erstmals übersichtlich dargelegt, wie die Strukturen des organisierten deutschen Fußballs in seinen Anfängen waren.
Mit dem Band über Pommern fing es 2013 an, Berlin ist der vorläufige Abschluss. Seine Bücher sind keine Literatur und erzählen keine Geschichten, aber sie erhalten auf jeder Seite Geschichte. Und es sind viele tausend Seiten.
Besonders wertvoll für Sporthistoriker sind die Berichte über Verbandstage und die vielen Fotos aus der guten alten Zeit. „Es gibt jetzt eine Basis für alle, die sich mit dem alten Fußball befassen wollen. Diese Leute kommen um meine Bücher nicht mehr herum“, sagt der Pionier, der betont, dass er „jedes Ergebnis selbst recherchiert hat“.
Bloßes Abschreiben aus Vereinszeitschriften kam für ihn nicht infrage, die seien eine stete Fehlerquelle, „da wurden Osterspiele mit Weihnachtsspielen verwechselt.“ Das kann ihn ebenso aufregen wie ein schlechtes Spiel seines 1. FC Köln, da sei er oft „nah am Herzinfarkt“.
Schnellinger spielt ja auch nicht mehr mit.