Die Zahl 5.000 dürfte wohl für immer mit der Verpflichtung von Antonio Conte verbunden bleiben.
Denn am Tag der Bekanntgabe des neuen Cheftrainers war es exakt 5.000 Tage her, dass Tottenham Hotspur zuletzt einen Titel gewonnen hat. Am 24. Februar 2008 setzten sich die Nordlondoner im Finale des englischen Ligapokals gegen Stadtrivale FC Chelsea durch.
Ein Spitzenklub waren die Spurs auch damals nicht, sie waren (und sind es immer noch) zwar Teil der „Big Six“ der Premier League, galten allerdings meist als einer der schwächsten der sechs englischen Topklubs. (Service: Ergebnisse und Spielplan der Premier League)
Auch der Vitrinenschrank der Spurs dürfte inzwischen etwas eingestaubt sein. Der Ligapokal ist der bisher einzige Titel in diesem Jahrtausend, insgesamt stehen acht FA-Cup-Siege und vier Ligapokaltitel auf der Visitenkarte. Der letzte der beiden englischen Meistertitel ist bereits 60 Jahre her (1961), vor 37 Jahren gewann Tottenham mit dem UEFA-Cup zuletzt einen internationalen Titel.
Tottenham: Conference League statt Champions League
Die Realität der Spurs heißt Durchschnitt: In der Liga dümpelt der Klub auf Rang neun herum, statt Champions League misst sich der Klub in der neu geschaffenen Conference League mit seinen (meist deutlich schwächeren) Gegnern. (Service: Tabelle der Premier League)
Da gerät fast in Vergessenheit, dass eine der vielleicht erfolgreichsten Phasen des Vereins vor gerade einmal zwei Jahren ihr Ende fand. Unter Mauricio Pochettino etablierte sich Tottenham nachhaltig in der Spitze der Premier League, wurde 2017 sogar Vizemeister. 2019 kämpfte sich das Team um Superstar Harry Kane bis ins CL-Finale vor, unterlag dort aber dem FC Liverpool.
Doch wenige Monate später war das Kapitel Pochettino in London nach anhaltender Erfolglosigkeit beendet, Nachfolger José Mourinho brachte ebenfalls nicht den erhofften Turnaround. Und auch das Experiment Nuno Espírito Santo, der zu Saisonbeginn von den Wolverhampton Wanderers losgeeist wurde, scheiterte nach wenigen Monaten.
Nun also Antonio Conte. Der 52-Jährige war schon im Sommer Kandidat, fühlte sich nach seinem Aus bei Inter Mailand emotional aber noch nicht in der Lage für den Job.
Mit der Verpflichtung des Italieners gelang Tottenham ein echter Coup. Conte galt als eines der heißesten Eisen auf dem Trainermarkt, wurde unter anderem auch mit Manchester United in Verbindung gebracht.
Conte hat eingebaute Titelgarantie
Doch die Red Devils halten (noch) an Ole Gunnar Solskjaer fest – und Levy schnappte zu. Mit Conte holte der Spurs-Boss quasi eine eingebaute Titelgarantie. Zumindest, wenn man seine letzten Stationen betrachtet. Seine letzten drei Klubs machte er zum Meister.
In den Jahren 2012 bis 2014 gewann er mit Juventus Turin dreimal in Serie den Scudetto, von 2016 bis 2018 stand Conte durchaus erfolgreich bei Chelsea an der Seitenlinie, ein Meistertitel (2017) und ein FA-Cup-Sieg (2018) sprangen dabei heraus. Conte brauchte dabei nur 73 Premier-League-Spiele für 50 Siege. Nur Pep Guardiola und José Mourinho waren noch schneller.
Und in der vergangenen Saison schaffte Conte mit Inter Mailand das lange für unmöglich Gehaltene: Er durchbrach die Phalanx von Serienmeister Juve und führte die Nerazzurri zum italienischen Meistertitel.
Sein Aus bei Inter hatte keine sportlichen Gründe. Medienberichten zufolge soll er mit der Transferpolitik der Italiener nicht einverstanden gewesen sein. Inter musste aufgrund massiver finanzieller Probleme mit Romelu Lukaku und Achraf Hakimi gleich zwei Leistungsträger verkaufen.
Spurs-Boss als Sparfuchs bekannt
Und genau an diesem Punkt birgt die Conte-Verpflichtung eine gewisse Brisanz. Tottenham war bisher kein Klub, der mit Ablösesummen um sich warf. Levy gilt als Sparfuchs – vor allem im Vergleich mit anderen PL-Klubs wie United, Manchester City oder Chelsea.
Conte dagegen ist bekannt dafür, sich sein Team nach seinen Vorstellungen aufbauen zu wollen – und dafür auch das nötige Kleingeld in die Hand zu nehmen. Während seiner Zeit bei Chelsea gaben die Blues in zwei Jahren fast 400 Millionen Euro für neue Spieler aus. Auch nach seiner Ankunft in Mailand ging Conte shoppen und holte unter anderem Lukaku für über 70 Millionen. Am Ende standen in zwei Jahren auch hier Ausgaben von knapp 300 Millionen Euro zu Buche.
Ändert Levy für Conte nun seine Vorgehensweise? Laut Gazzetta dello Sport soll der ehemalige Juve-Spieler für eineinhalb Jahre 18 Millionen Euro kassieren. Und Conte wird Levy in den Verhandlungen klargemacht haben, wie seine Vorstellungen des Kaders aussehen dürften.
Der aktuelle Kader ist (mit wenigen Ausnahmen) nicht titeltauglich. Will Conte in Zukunft aber um diese mitspielen, bedarf es wohl größerer Investitionen. Zumal mit Newcastle United nach der Übernahme durch ein saudisches Konsortium um Kronprinz Mohammed bin Salman ein neuer neureicher Klub um die Ecke kommt, der sich anschickt, die Spitze anzugreifen.
Was wird aus Kane?
Zudem ist auch die Frage nach der Zukunft von Superstar Kane ungeklärt. City biss sich im Sommer an Levy die Zähne aus, soll über 100 Millionen Euro für den Kapitän der Three Lions geboten haben. Doch Kane blieb – oder musste bleiben. Allerdings wird erwartet, dass City im Winter oder kommenden Sommer einen neuen Vorstoß beim Spurs-Stürmer wagen.
Kaum vorstellbar, dass Conte damit einverstanden ist, das Aushängeschild der Nordlondoner ziehen zu lassen. Im Gegenteil: Conte wird Geld in die Hand nehmen wollen, um den Kader qualitativ anzuheben.
Er soll sogar bereits eine Wunschliste hinterlegt haben. Laut Corriere dello Sport könnte Florenz-Star Dusan Vlahovic eine Alternative werden, falls Kane wirklich wechselt. Zudem kursiert in den Medien der Name Franck Kessie von AC Mailand, dazu sollen mit Stefan de Vrij, Nicolò Barella, Lautaro Martinez und Marcelo Brozovic gleich vier Spieler von Contes Ex-Klub Inter auf der Liste stehen. Die Times nennt zudem noch Alessandro Bastoni. Der Gesamtmarktwert dieser Spieler beträgt über 300 Millionen Euro.
Die Intention hinter der Conte-Verpflichtung ist klar: Der Italiener soll die Lilywhites zu einem Topklub formen. Dass er das Zeug dazu hat, steht außer Frage. Eine der spannendsten Fragen wird sein, wie weit Levy finanziell bereit zu gehen ist, um seinem neuen Trainer dessen Wünsche zu erfüllen.
Denn 5.000 weitere titellose Tage dürfte sich auch Levy nicht wünschen.