Freiburg-Urvater Finke: „Das ist fast einmalig“
Freiburg liefert für die DFB-Elf
Freiburg-Legende Volker Finke spricht mit SPORT1 über seine Zeit beim Sport-Club, den Aufbau der Freiburger Nachwuchsschule, Cheftrainer Julian Schuster - und verrät, was er seinem Ex-Klub diese Saison zutraut.
Der SC Freiburg steht an der Spitze der Bundesliga. Im SPORT1-Interview spricht der langjährige Erfolgstrainer Volker Finke (78), der den Sport-Club von 1991 bis 2007 trainierte, über das Geheimnis des Freiburger Erfolgs, Trainer Julian Schuster – und die Frage, ob der Sport-Club sogar Deutscher Meister werden kann.
SPORT1: Herr Finke, der SC Freiburg ist Tabellenführer der Bundesliga. Sie haben diesen Verein 16 Jahre lang geprägt. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie heute auf die Tabelle schauen?
Volker Finke: Ich freue mich natürlich. Tabellenführer ist man schließlich nicht so oft. Ich habe mir das Spiel im Fernsehen angeschaut, mit dem entscheidenden Treffer kurz vor Schluss. Aber man kann mit dieser Situation auch ganz gelassen umgehen. Die Spitzengruppe liegt eng zusammen, das kann sich schnell wieder ändern. Ich glaube, dass der SC inzwischen eine solche Kontinuität und Qualität entwickelt hat, dass er über 34 Spieltage zwischen Platz fünf und sieben hingehört. Das wäre ein gutes und inzwischen auch normales Ergebnis.
Was den SC Freiburg besonders macht
SPORT1: Was beeindruckt Sie an dieser Mannschaft am meisten?
Finke: Dass es gelungen ist, die Mannschaft zu verjüngen und gleichzeitig die erfahrenen Leistungsträger einzubinden. Vincenzo Grifo steht nicht mehr immer in der Startelf, kann aber nach seiner Einwechslung ein Spiel mit einer entscheidenden Vorlage beeinflussen. Dieser Übergang von den älteren zu den jüngeren Spielern scheint hervorragend zu funktionieren. Das spricht für eine sehr gute Kaderplanung. Und genau darin liegt eine der großen Stärken des SC Freiburg: Auf den entscheidenden sportlichen Positionen arbeiten Menschen, die den Verein seit vielen Jahren kennen. Klemens Hartenbach und Jochen Saier gehören dazu. Diese Kontinuität ist in der Bundesliga fast einmalig.
SPORT1: Früher war Freiburg der sympathische Außenseiter, der die Großen gelegentlich ärgerte. Heute steht der Verein vor Bayern München und Borussia Dortmund. Ist Freiburg inzwischen selbst ein Großer geworden?
Finke: Das würde ich nicht unbedingt so sehen. Natürlich hat sich der Verein wirtschaftlich enorm entwickelt. Auch bei den Gehältern und den finanziellen Möglichkeiten gehört Freiburg inzwischen in eine ganz andere Kategorie als früher. Aber diese Entwicklung hat eine lange Vorgeschichte. Ich habe drei Bauphasen erlebt, dazu den Bau der Fußballschule. Als ich nach Freiburg kam, hatten wir eine Infrastruktur, die mit professionellem Fußball kaum etwas zu tun hatte.
SPORT1: Sie mussten Überzeugungsarbeit leisten, dass Freiburg bessere Bedingungen brauchte?
Finke: Ja, das war nicht immer angenehm. Unser damaliger Präsident Achim Stocker war ein guter und leidenschaftlicher Fußballfachmann. Aber Investitionen in die Infrastruktur waren nicht so sein Ding. Er wollte das Geld lieber direkt in die Mannschaft stecken. Ich war überzeugt, dass wir nur dann dauerhaft in der Bundesliga bestehen können, wenn wir auch die Infrastruktur verbessern. Wir brauchten vernünftige Trainingsplätze, eine Rasenheizung und bessere Bedingungen für die Spieler. Ich musste immer wieder um Unterstützung kämpfen. Aber Stocker hat am Ende eingelenkt. Er hat mir im sportlichen Bereich die Freiheit gegeben, meine Vorstellungen umzusetzen. Das war eine entscheidende Voraussetzung für unsere Entwicklung.
SPORT1: Jochen Saier und Oliver Leki stehen für die erfolgreiche Führung des heutigen SC Freiburg. Was machen sie anders als viele Verantwortliche anderer Bundesligisten?
Finke: Ich möchte andere Verantwortliche gar nicht bewerten. Oliver Leki kenne ich noch aus meiner Zeit beim 1. FC Köln. Er hat den SC im Bereich Verwaltung, Finanzen und Vermarktung weiter professionalisiert. Jochen Saier wiederum hat seine Wurzeln direkt in meiner Freiburger Zeit. Er kam als junger Student zu uns, machte sofort einen hervorragenden Eindruck. Wir haben damals zu ihm gesagt: Wenn du dein Studium fertig hast, bitte bei uns anklopfen. Das hat er gemacht. Später wurde er Leiter der Fußballschule. Er macht heute einen ausgezeichneten Job im sportlichen Bereich. Auch Andreas Rettig hat dem Verein damals einen wichtigen Professionalisierungsschub gegeben. Das Entscheidende ist, dass der Verein auf seinen wichtigen Positionen Menschen hat, die langfristig denken und zusammenarbeiten.
Ein entscheidender Faktor: Freiburgs Nachwuchsausbildung
SPORT1: Jochen Saier hat Sie kürzlich ausdrücklich für Ihren Weitblick beim Aufbau der Freiburger Fußballschule gewürdigt.
Finke: Darüber freue ich mich unglaublich. Wenn man mit den üblichen Parametern wie Budget, Sponsoren und Stadiongröße nicht konkurrenzfähig ist, muss man versuchen, etwas zu finden, worin man besser sein kann als die anderen. Genau das war unsere Überlegung. Es war damals überhaupt nicht leicht, diesen Weg durchzusetzen. Ich habe mich sehr dafür eingesetzt, weil ich überzeugt war, dass es für den Verein die richtige Entscheidung ist. Dass daraus etwas entstanden ist, von dem Freiburg bis heute so sehr profitiert, macht mich glücklich.
SPORT1: Wie entstand die Idee der Freiburger Fußballschule?
Finke: Ich habe mich damals intensiv mit der Nachwuchsausbildung in Frankreich beschäftigt. Dort gab es bereits Ausbildungszentren, die sogenannten Centres de Formation. Ich habe mir angeschaut, wie dort gearbeitet wurde, und wir haben überlegt, wie wir ein ähnliches Modell in Freiburg entwickeln könnten. Gemeinsam mit Andreas Rettig und unseren Mitarbeitern haben wir die Fußballschule aufgebaut. Unsere Überzeugung war, dass wir Spieler besser ausbilden können als andere Vereine, auch ohne große Transfersummen. Dafür brauchten wir nicht nur gute Fußballtrainer, sondern Menschen, die verstehen, wie sich Jugendliche zwischen zwölf und 19 Jahren entwickeln. Wir haben unsere Trainer fortgebildet und ein Konzept entwickelt. Das war nicht leicht durchzusetzen. Aber wir haben es hingekriegt. Dass daraus ein so erfolgreiches Modell geworden ist, freut mich bis heute enorm.
Warum Freiburgs Kontinuität eine Seltenheit im Fußball ist
SPORT1: Sie haben Freiburg 16 Jahre trainiert, Christian Streich später mehr als zwölf Jahre. Warum fällt vielen anderen deutschen Vereinen eine solche Kontinuität schwer?
Finke: Das ist nicht nur in Deutschland so. Fußball ist ein Milieu, in dem es um sehr viel Geld geht. Wenn der Erfolg ausbleibt, geraten die Verantwortlichen schnell unter Druck. Dann glaubt man häufig, mit einem Trainerwechsel die Situation verbessern zu können. Natürlich gibt es Fälle, in denen eine Trennung sinnvoll ist. Aber viele Trainerwechsel führen eben nicht zu einer nachhaltigen Verbesserung. In Freiburg war das anders. Ich bin mit dem Verein dreimal abgestiegen und dreimal wieder aufgestiegen. Christian Streich ist ebenfalls abgestiegen und hat anschließend den Wiederaufstieg geschafft. So etwas funktioniert nur, wenn zwischen den Verantwortlichen großes Vertrauen besteht. Diese Art von Zusammenarbeit muss über Jahre wachsen.
SPORT1: Sie selbst hatten als Lehrer auch eine berufliche Absicherung, die viele Ihrer Trainerkollegen nicht hatten.
Finke: Das war für mich tatsächlich ein Schlüssel. Ich hatte eine sichere A14-Stelle im Schuldienst im Rücken. Ich war gerne Lehrer, das ist ein wichtiger und wertvoller Beruf. Ich konnte jederzeit zurück. Dadurch war ich ein Stück weit frei und unabhängig. Ich musste nicht unbedingt Erfolg haben, um im Fußball zu bleiben. Die Spieler haben gemerkt, dass der Trainer den Hut aufhat, dass er über Transfers und Kaderbildung entscheidet. Wenn man erfolgreich arbeiten will, spielt es eine große Rolle, dass man den Rücken frei hat. Ich glaube, diese Unabhängigkeit hat dazu beigetragen, dass unsere Arbeit erfolgreich war.
SPORT1: Sie haben damals auch Angebote anderer Vereine ausgeschlagen.
Finke: Achim Stocker hat oft zu mir gesagt: „Trainer, Sie sind hier nicht mehr lange.“ Dann habe ich ihn angeguckt und gedacht: Wie meinen Sie das denn? Es macht mir Spaß, und das, was wir hier zusammen aufbauen, ist doch erfolgreich. Er hat gesagt: „Nein, nein, Fußball ist anders. Sie sind hier nicht mehr lange, da kommen die Angebote.“ Er war der Meinung, dass man mit dem Erfolg Angebote bekommt, die man nicht abschlagen kann. Ich hatte das Privileg, solche Angebote abschlagen zu können, ohne dass ich es bedauert habe.
SPORT1: Sie mussten Freiburg 2007 nach 16 Jahren verlassen. Haben Sie mit Ihrem damaligen Abschied inzwischen Frieden geschlossen?
Finke: Ich glaube, das war damals eine schwierige Situation für alle Beteiligten. Mit meiner Zeit in Japan und Kamerun habe ich noch einmal andere Facetten des Fußballs kennengelernt. Man kann nicht sagen, dass eine bestimmte Anzahl von Jahren bei einem Verein genug ist oder dass man unbedingt länger hätte bleiben müssen.
„Julian Schuster ist ein Glücksfall für den SC Freiburg“
SPORT1: Julian Schuster hat mit Christian Streich einen besonderen Trainer abgelöst. Am Donnerstag gegen Jablonec stand er selbst zum 100. Mal als Freiburgs Cheftrainer an der Seitenlinie. Inzwischen führt er den Sport-Club sogar an die Tabellenspitze. Was macht ihn so besonders?
Finke: Julian Schuster ist ein Glücksfall für den SC Freiburg. Aber man darf nicht so tun, als hätte der Verein irgendwo einen unbekannten Trainer entdeckt, der jetzt plötzlich Wunder vollbringt. Schuster hatte vor seiner Verantwortung für die erste Mannschaft noch nie eine eigene Mannschaft als Cheftrainer betreut. Er war schon lange im Verein, hat dort gespielt und als Verbindungstrainer gearbeitet. Dass Jochen Saier und seine Leute ihm diese Aufgabe übertragen haben, war ein großer Vertrauensbeweis. Schuster kennt den gesamten Klub, von den Nachwuchsmannschaften bis zu den Profis. Er weiß genau, welche Spieler sich entwickeln und wen man aus dem Nachwuchs nach oben holen kann. Dieses Wissen ist unglaublich wertvoll. Er hat die Entwicklung des Vereins über Jahre verinnerlicht. Deshalb überrascht es mich nicht, dass er die Aufgabe so überzeugend meistert. Ich glaube auch, dass er das Zeug dazu hat, in Freiburg eine ähnlich lange Geschichte zu schreiben wie seine Vorgänger.
SPORT1: Glauben Sie, dass Schuster irgendwann einen europäischen Spitzenverein trainieren könnte? Oder wäre es für ihn das Größte, über viele Jahre in Freiburg zu bleiben?
Finke: Ich glaube, dass er sehr genau weiß, was er an Freiburg hat. Er bekommt Vertrauen, kennt die Menschen und kann seine Vorstellungen umsetzen. Das ist für einen Trainer unglaublich viel wert. Ich könnte mir gut vorstellen, dass er diese Situation gar nicht so schnell aufgeben möchte. Gerade diese Kontinuität ist schließlich ein wesentlicher Bestandteil des Freiburger Erfolgs.
Der Unterschied zu Bayern und Dortmund
SPORT1: Was können Bayern München, Borussia Dortmund oder andere große Vereine von Freiburg lernen
Finke: Solche Vergleiche sind schwierig. Bayern und Dortmund haben durch ihre Medien-, Zuschauer- und Sponsoreneinnahmen ganz andere Möglichkeiten. Freiburg musste sich über viele Jahre als Außenseiter entwickeln und Bereiche finden, in denen man der Konkurrenz voraus sein konnte. Das war vor allem die Nachwuchsausbildung. Wenn ein Spieler aus der eigenen Fußballschule kommt und später für eine hohe Ablösesumme wechselt, zeigt das, wie erfolgreich dieses Modell geworden ist. Für Freiburg sind solche Entwicklungen von enormer Bedeutung. Bayern und Dortmund müssen mit ihren Möglichkeiten ganz anders arbeiten.
SPORT1: Was spricht eigentlich dagegen, dass der SC Freiburg am Ende tatsächlich vor Bayern München steht und Deutscher Meister wird? Kaiserslautern hat schließlich auch einmal bewiesen, dass vermeintlich Unmögliches möglich ist.
Finke: Man sollte niemals nie sagen. Aber man muss auch realistisch bleiben. Wir haben gerade einmal fünf Spieltage hinter uns. Es wäre völlig falsch, sich jetzt das Leben schwer zu machen, weil man glaubt, unbedingt Tabellenführer bleiben zu müssen. Man sollte sich über die Situation freuen, Selbstbewusstsein tanken und Spaß haben. Das ist die beste Voraussetzung, um eine richtig gute Saison zu spielen.