„Manchester City hat dem englischen Fußball ins Gesicht gelacht“
City-Urteil? “Weit entfernt von meiner Realität“
Manchester City trotzt nach Bekanntwerden des Finanzskandals allen Buhrufen und Beschimpfungen. Die englische Presse hat dazu unterschiedliche Ansichten.
Manchester City hat im ersten Spiel nach dem Bekanntwerden des beispiellosen Finanzskandals einen 3:0-Sieg beim FC Liverpool eingefahren.
Die Skyblues, die von der Premier League in allen Anklagepunkten im Zusammenhang mit Verstößen gegen die Finanzregeln zwischen 2009/10 und 2017/18 schuldig gesprochen worden waren, verteidigten damit ihre Tabellenführung erfolgreich. Doch es war ein Abend, der weit über das Sportliche hinausging.
„ManCity hat seine Schande hingenommen und dem englischen Fußball ins Gesicht gelacht. Niemand weiß, ob der überzeugende 3:0-Sieg in Anfield überhaupt eine Rolle spielt. Vorerst haben die Betrüger also die Oberhand“, schrieb die Daily Mail (Kommentar des leitenden Sportredakteurs Oliver Holt).
„Diese Liga befindet sich in der Schwebe“
Nach dem Abpfiff hatten die Stars der Skyblues und Coach Enzo Maresca freudig auf dem Rasen vor den mitgereisten Fans getanzt und sich von den Umständen nichts anmerken lassen.
„Es wird wie ein Fremdkörper wirken, wenn man sieht, wie ausgelassen sie am Ende feiern, obwohl sie des wiederholten Betrugs für schuldig befunden wurden – doch das heutige Manchester City ist kein Verein, der für seine Bescheidenheit bekannt ist, und daran wird sich auch jetzt nichts ändern. Diese Liga befindet sich in der Schwebe, doch im Moment kann ihnen niemand etwas anhaben. Der Rest der Fußballwelt wandte sich verzweifelt ab angesichts dessen, was aus diesem Sport geworden ist, und angesichts der Unsicherheit, die ihn umgibt“, heißt es bei der Daily Mail weiter.
Stars von Manchester City heftig ausgebuht
Die Boulevardzeitung The Sun rückte in ihrer Berichterstattung den Missmut der Liverpool-Fans in den Vordergrund. „AUSGEBUHT. ManCity wurde im ersten Spiel seit dem Schuldspruch in Anfield mit ohrenbetäubendem Buhrufen, ‚Betrüger‘-Sprechchören und bissigen Transparenten bedacht“, titelte das Blatt.
Zuvor hatten Liverpools Fans den Bus ihrer Mannschaft mit Pyrotechnik empfangen, City war einen Umweg zum Stadion gefahren, nachdem Anhänger der Gastgeber zu einem „Bus Greeting“, einer wenig freundlichen Begrüßung, aufgerufen hatten.
Diese erhielten die Himmelblauen dann im Stadion: Neben Buhrufen und Beschimpfungen wurden auch vielerlei Banner („Eine ganze Fan-Generation wurde betrogen“; „Ihr seid eigentlich gar nicht hier“) präsentiert. Die City-Anhänger brachten aufblasbare Bananen mit, die seit den Zweitligazeiten des Klubs für Widerstand und Unterstützung stehen.
„Als wäre das ganze Land gegen sie“
„Vielleicht ja trotz allem! ManCity trotzt den Buhrufen in Anfield mit einer überragenden zweiten Halbzeit und besiegt Liverpool deutlich“, war bei der in London ansässigen Tageszeitung Mirror zu lesen: „Es kam einem so vor, als wäre das ganze Land gegen sie – auch wenn man es ihnen nicht ansah.“
In Anbetracht der zugegeben beeindruckenden Performance schrieb das Blatt: „Wenn sie die Integrität der Premier League zerstört haben und wenn sie in den Augen aller als Betrüger gelten, scheint ihnen das jedenfalls völlig egal zu sein. Das war eine trotzige Leistung einer Gruppe von Spielern, die in den letzten zwei Wochen sicherlich die Wut der Fußballfans des Landes zu spüren bekommen haben.“
Der Guardian, eine in Manchester gegründete Tageszeitung, beschrieb die Atmosphäre an der Anfield Road wie folgt: „Die Kop-Tribüne wollte City klarmachen, was sie sind. Und wohin das führt. Das wollten sie ihnen immer wieder klarmachen. Ihrer Meinung nach sind sie Betrüger, denen der Abstieg bevorsteht. Die Atmosphäre war nicht gerade wie in einer Bärengrube; sie war nicht wirklich einschüchternd. Es war einfach ein Ausbruch von Wut, den man unmöglich ignorieren konnte.“