150.000-Dollar Mann wird deutlich

150.000-Dollar Mann wird deutlich

Merlin Hummel ist der erste „Ultimate Champion“ der Leichtathletik. Im SPORT1-Interview wählt der Hammerwerfer, der 150.000 Dollar einstreicht, deutliche Worte.

Merlin Hummel ist der erste „Ultimate Champion“ der Leichtathletik. Der 24-Jährige setzte sich im neuen Format gegen die internationale Hammerwurf-Elite durch und sicherte sich neben dem Titel auch 150.000 Dollar Preisgeld. Für Hummel ist es der bislang größte Erfolg seiner Karriere.

Dabei sieht der EM-Zweite in dem neuen Wettbewerb mehr als nur einen spektakulären Show-Wettkampf. Hummel begrüßt den Versuch, die Leichtathletik mit neuen Regeln und mehr Tempo für ein jüngeres Publikum attraktiver zu machen. Gleichzeitig kritisiert er, dass einige Disziplinen gar nicht vertreten sind – und spricht von einer „Zweiklassengesellschaft“. Im SPORT1-Interview erklärt er, warum er das Format trotzdem für einen Schritt in die richtige Richtung hält.

Merlin Hummel ist der erste Ultimate Champion in Budapest
Merlin Hummel ist der erste Ultimate Champion in BudapestMerlin Hummel ist der erste Ultimate Champion in Budapest© IMAGO/Chai v.d. Laage

SPORT1: Herr Hummel, Sie sind der erste „Ultimate Champion“ der Leichtathletik. Wie fühlt sich das an?

Merlin Hummel: Im Moment bin ich vor allem überwältigt von diesem Wettkampf und dankbar, dass ich die Kollegen, die mich in dieser und auch schon in der vergangenen Saison immer wieder geschlagen haben, besiegen konnte.

SPORT1: Sie haben direkt im ersten Wurf 81,46 Meter geworfen. Wann haben Sie gemerkt: Heute kann ich diesen Titel gewinnen?

DEINE MEINUNG

Hummel: Beim Einwerfen habe ich schon 83 Meter ganz locker rausgehauen und war sehr gut vorbereitet. Ich wusste, dass ich heute gut mitspielen kann. Auch mit Ethan Katzberg hätte ich mithalten können, wenn er sein gutes Niveau abgerufen hätte. Ich habe mir aber auch die anderen Jungs angeschaut, und alle hatten mit den Bedingungen zu kämpfen. Deshalb habe ich ein wenig mit dem Gedanken des Sieges geliebäugelt, als Katzberg dann ausgeschieden war.

Ein Schreckmoment auf nassem Boden

SPORT1: Was ist im zweiten Versuch passiert?

Hummel: Da habe ich technisch nicht sauber gearbeitet und mich selbst eingefädelt, weil ich von rechts nicht weggekommen bin. Das rechte Bein soll eigentlich anschieben, mich mit dem Beton mitziehen und nach links beschleunigen, praktisch gemeinsam mit dem Hammer. Weil es vorne rutschig war, bin ich nicht weggekommen und habe mich mit dem Bein eingefädelt. Dadurch bin ich ziemlich unglücklich gestürzt.

SPORT1: Ein echter Schreckmoment…

Hummel: Ja, aber ich habe mich gut abgefangen und bin dankbar für meine Reflexe. Zwei Kameras mussten, glaube ich, daran glauben.

SPORT1: Wie gut, dass Sie 150.000 Dollar Preisgeld gewonnen haben.

Hummel: Nein, dafür habe ich eine gute Haftpflicht. (lacht)

SPORT1: Der Ring war offenbar insgesamt ein Problem. Katzberg hatte ebenfalls Schwierigkeiten, ihm ist der Hammer sogar einmal aus der Hand gerutscht.

Hummel: Ja, es hat den ganzen Tag stundenlang geregnet. Dazu kam der Sud aus der Farbe, die auf den Rasen gesprüht wurde, in Kombination mit dem Wasser, das sich darin gesammelt hat. Dadurch trägt man jedes Mal etwas Feuchtigkeit mit in den Ring. Wenn ein Ring schnell ist, wird er durch die Feuchtigkeit noch schneller. Und wenn sich zusätzlich Biofilm bildet, ist es sogar schwieriger, einen vernünftigen Grip zu bekommen. Damit hatte jeder zu kämpfen.

Deutscher Rekord? „Wäre möglich gewesen“

SPORT1: Sie sind Zweiter bei der Europameisterschaft geworden und jetzt „Ultimate Champion“. Eigentlich könnte die Saison noch weitergehen. Sind Sie trotzdem froh, dass jetzt erst einmal Schluss ist?

Hummel: Beides. Wir haben uns als Team sehr gut vorbereitet. Wir hatten noch einmal ein Trainingslager im Schwarzwald, und die Leistungen dort waren so gut wie nie zuvor. Ich war bereit, noch einmal den weiten Wurf zu bringen, den ich mir für diese Saison vorgenommen hatte und der mir bislang nicht gelungen war. Ich wusste, dass er in mir steckt. Es wären also noch Möglichkeiten da gewesen. Gleichzeitig bin ich dankbar, dass die Saison jetzt vorbei ist. Die Veränderungen, die wir in diesem Jahr vorgenommen haben, wollen wir über den Winter weiterführen und konsequent daran arbeiten. Jetzt steht erst einmal ein schöner Urlaub an. Der Rest kommt im nächsten Jahr.

SPORT1: So kann man die Saison abschließen. Sind Sie auch mit Blick auf das kommende Jahr optimistisch?

Hummel: Ich möchte mir meine Lockerheit bewahren. Es ist bemerkenswert, was wir seit dem Trainerwechsel im Februar, als ich nach Frankfurt gekommen bin, in so kurzer Zeit technisch verändert haben. Jetzt muss ich gesund durch den Winter kommen und weiter an den Details arbeiten. Dann kann das kommende Jahr sehr gut werden.

SPORT1: Trauen Sie sich auch den deutschen Rekord von 83,40 Meter, den Ralf Haber seit 1988 hält, irgendwann zu?

Hummel: Auf jeden Fall. Der war eigentlich schon für diesen Wettkampf eingeplant. Ich habe mit ihm geliebäugelt, und er wäre auch möglich gewesen. Aber das kommt mit der Zeit. Ich möchte es nicht erzwingen. Natürlich geht der Blick Richtung 85 Meter, auf dem Weg dorthin kann man den Rekord mitnehmen.

„Ich müsste achtmal Olympiasieger werden“

SPORT1: 150.000 Dollar Preisgeld für einen Wettkampf – ist das für Sie finanziell ein Gamechanger? Das ist im Vergleich zu anderen Leichtathletik-Wettkämpfen eine enorme Summe.

Hummel: Ich muss mich jetzt auf jeden Fall schneller mit meinem Steuerberater auseinandersetzen, als ich gedacht hatte. (lacht) Das Geld wird zunächst nicht groß angefasst. Es ist schön, dass es da ist, aber natürlich ist es verlockend, auch etwas davon auszugeben. An meinem Leben ändert sich dadurch allerdings nicht viel. Es ist „nice to have“ und schon beeindruckend, wenn man sich die Summe einmal im Vergleich zu Olympiasiegen anschaut. Wenn ich das richtig herunterrechne, müsste ich in Deutschland achtmal Olympiasieger werden, um auf das gleiche Preisgeld zu kommen. Das ist schon krass. Ich bin sehr dankbar dafür.

SPORT1: Was macht dieses Format aus Ihrer Sicht anders als eine normale Weltmeisterschaft oder ein Diamond-League-Meeting?

Hummel: Mir gefällt die Idee mit den vier Würfen und den zusätzlichen Regeln. Darüber kann man natürlich diskutieren. Einige Elemente hatten aus meiner Sicht aus Entertainment-Sicht keinen großen Mehrwert und waren für den sportlichen Wettkampf nicht unbedingt zielführend. Grundsätzlich finde ich die Richtung aber sehr gut. Der Wettkampf versucht, die Leichtathletik an die Zeit anzupassen, in der wir leben – mit mehr Kurzlebigkeit. Traditionen abzulegen und progressiv zu denken, kann man nur begrüßen. Die Richtung stimmt.

SPORT1: Einige Disziplinen waren allerdings gar nicht dabei, etwa der Diskuswurf, der Hindernislauf oder der Hammerwurf der Frauen. Wie sehen Sie das aus Athletensicht?

Hummel: Ich kann die Enttäuschung gut nachvollziehen. Dieses Problem gibt es schließlich seit Jahren. Meine Trainerin Katrin Klaas kämpft schon seit ihrer aktiven Zeit dafür, dass der Hammerwurf auch Teil der Diamond League wird. Deshalb verstehe ich sehr gut, dass sich andere Athleten ausgeschlossen fühlen. Das erleben wir selbst seit Jahren. Es ist eine Zweiklassengesellschaft. Mir wäre es lieber, ich würde nur die Hälfte des Preisgeldes bekommen, dafür wären alle Disziplinen vertreten und würden entsprechend vergütet. Technisch sollte das möglich sein. Da wird es sicher nicht nur von mir noch schärfere Kritik geben. Die grundsätzliche Richtung des Formats finde ich gut. Jetzt muss man sehen, wie die Veranstalter mit der Kritik umgehen. Ich kann sie jedenfalls nachvollziehen – wir erleben diese Situation schließlich selbst seit Jahren und Jahrzehnten.