Offene Worte nach EM-Debakel
Sandrina Sprengel wollte bei der Leichtathletik-EM ihre Bestleistung angreifen, doch bereits zu Beginn ihres Siebenkampfes flossen bittere Tränen. Im SPORT1-Interview spricht die 22-Jährige offen über Druck, Selbstzweifel und ihren Plan für den Neustart.
Sandrina Sprengel war mit großen Hoffnungen nach Birmingham gereist, doch bereits nach der ersten Disziplin im Siebenkampf war sie ein Häuflein Elend. Die 22-Jährige verpatzte den Lauf über 100 Meter Hürden völlig und konnte sich anschließend nicht mehr aus der Negativspirale befreien. Am Ende standen 6057 Punkte und Platz 15 – weit entfernt von ihrem Anspruch.
Im SPORT1-Interview spricht Sprengel über den verpatzten Auftakt, Selbstzweifel und den mentalen Kampf über sieben Disziplinen. Sie erklärt, was sie aus der Enttäuschung mitnimmt, warum sie künftig auch auf sportpsychologische Unterstützung setzen will und wie sie 2027 wieder angreifen möchte.
Leichtathletik-EM: Sprengel wollte Bestzeit angreifen
SPORT1: Frau Sprengel, Sie haben direkt nach dem Siebenkampf gesagt, Sie könnten den Wettkampf noch nicht wirklich in Worte fassen. Mit ein paar Tagen Abstand: Wie blicken Sie heute auf Birmingham?
Sprengel: Es fällt mir immer noch schwer, die richtigen Worte zu finden, weil der Wettkampf natürlich komplett anders gelaufen ist, als ich mir das vorgestellt hatte. Ich hatte hohe Ziele und wusste auch, dass sie für mich erreichbar sind. Ich hatte allerdings ein schwieriges Jahr mit vielen Rückschlägen und musste wegen einer Grippe, Knieproblemen und Problemen mit dem Ellenbogen immer wieder Trainingspausen einlegen. Dadurch konnte ich nicht immer meine volle Leistung abrufen. Trotzdem hatte ich mir den Wettkampf natürlich anders vorgestellt. Jetzt kann ich ihn nicht mehr ändern, aber ich glaube, dass ich daraus lernen kann.
SPORT1: Mit welchem konkreten Ziel sind Sie nach Birmingham gefahren?
Sprengel: Ich wollte in Richtung Bestleistung gehen. Nachdem ich im vergangenen Jahr 6434 Punkte gemacht hatte, wusste ich, dass in diesem Jahr mehr drin ist. Ich hatte mich über die Hürden verbessert, war im Hochsprung wieder stärker, hatte im Kugelstoßen Fortschritte gemacht und war auch über 100 Meter schneller. Ich wusste also, dass 6500 Punkte möglich sein können. Umso deprimierender ist es, wenn man das dann bei einer Europameisterschaft nicht zeigen kann.
„Es war für mich total schwer, damit umzugehen“
SPORT1: Schon nach der ersten Disziplin, den 100 Meter Hürden, waren Sie völlig niedergeschlagen. Was macht ein solcher verpatzter Auftakt mental mit Ihnen?
Sprengel: Es ist für mich total schwer, damit umzugehen. Vielleicht habe ich mir am Anfang auch einfach zu großen Druck gemacht und war zu hart zu mir selbst. Ich bin direkt in die zweite Hürde hineingebrettert, und damit war eigentlich schon sehr viel kaputt. Es ist schwer, sich dann zu sagen: ‚Komm, mach weiter‘. Das habe ich zwar gemacht, aber mental hat mich das sehr mitgenommen.
SPORT1: Was macht einen Siebenkampf in dieser Situation besonders schwierig?
Sprengel: Wenn ich nur einen Hürdenlauf habe und der geht schief, kann ich danach nach Hause gehen, mich zwei Tage zurückziehen, ausheulen und irgendwann ist es vielleicht wieder gut. Im Siebenkampf muss ich aber danach noch sechsmal ins Stadion. Ich habe es nach den Hürden immer wieder versucht, aber wenn es dann auch im Hochsprung nicht klappt, geht man wieder mit einem negativen Gefühl in die nächste Disziplin. Das ist mental schon sehr schwer. Trotzdem bin ich stolz darauf, dass ich den Siebenkampf durchgezogen habe. Es war immerhin noch ein Sechstausender, auch wenn das natürlich nicht mein Anspruch ist.
„Der Speerwurf hat mich wieder extrem runtergezogen“
SPORT1: Kugelstoßen und 200 Meter waren dann zumindest kleine Lichtblicke. Warum konnten Sie daraus nicht noch mehr Optimismus für den zweiten Tag ziehen?
Sprengel: Das frage ich mich natürlich auch. Den ersten Tag habe ich schon etwas optimistischer beendet. Beim Kugelstoßen hatte ich mir allerdings mehr vorgenommen, und auch über 200 Meter dachte ich, dass ich schneller laufen kann. Trotzdem waren beide Leistungen in Ordnung und ich dachte, dass der zweite Tag noch besser werden könnte. Der Weitsprung war mit meiner Saisonbestleistung ebenfalls nicht schlecht. Aber der Speerwurf hat mich dann wieder extrem runtergezogen.
SPORT1: Kommen in solchen Momenten auch Selbstzweifel auf?
Sprengel: Ja, zwischendurch gibt es schon Selbstzweifel. Aber ich habe ein tolles Team hinter mir, das mich aufbauen kann. Und ich weiß ja auch, dass ich besser sein kann. Ich warte eigentlich auf den Tag, an dem ich das wieder zeigen kann.
SPORT1: Was nehmen Sie aus Birmingham mit – und was möchten Sie möglichst schnell abhaken?
Sprengel: Den Wettkampf möchte ich natürlich abhaken. Was ich aber auf jeden Fall mitnehme, ist, dass ich den Mehrkampf durchgezogen habe. Ich glaube, es zeigt auch Stärke, wenn man das kann. Ich habe sehr viel liebe Rückmeldung von Menschen bekommen, die mir geschrieben haben, dass sie es stark finden, dass ich mich durchgekämpft habe. Das bedeutet mir viel. Ich glaube, ich nehme daraus mit, dass ich nicht aufgeben darf.
SPORT1: Wie haben Sie das Niveau der Konkurrenz erlebt? Gerade im Kampf um die Medaillen war das Feld außergewöhnlich stark.
Sprengel: Das Niveau war wirklich richtig gut. Ich weiß gar nicht, wann wir schon einmal so eine Europameisterschaft hatten. Allein, dass die Schweizerin (Annik Kälin, Anm. d. R.), die als Jahresbeste in Europa angereist ist, keine Medaille bekommen hat, zeigt schon, wie stark das Niveau war. Auch Sophie Weißenberg hat mit fast 6500 Punkten einen super Wettkampf gemacht und trotzdem keine Medaille gewonnen. Das war schon sehr, sehr gut.
„Ich kann ohne Existenzängste trainieren“
SPORT1: Deutschland hat bei dieser EM insgesamt außergewöhnlich erfolgreich abgeschnitten. Warum funktioniert die deutsche Leichtathletik gerade so gut?
Sprengel: Das ist eine gute Frage. Für mich persönlich kann ich sagen, dass ich unglaublich gute Förderung erhalte. Mein Verein steht hinter mir, ich habe einen Arbeitgeber bei der Landespolizei, der mich unterstützt, und dazu noch private Sponsoren. Dadurch kann ich ohne Existenzängste trainieren. Aber das geht nicht jedem so. Ich kann deshalb nicht sagen, dass die Leichtathletik vom Staat besonders gut gefördert wird. Für mich persönlich habe ich aber ein tolles Team hinter mir.
SPORT1: Was muss nun passieren, damit wir 2027 wieder die Sandrina Sprengel sehen, die wir aus dem vergangenen Jahr kennen?
Sprengel: Ich muss den Wettkampf jetzt erst einmal gut verarbeiten und meine Bachelorarbeit zu Ende schreiben. Im Februar steht außerdem noch meine Abschlussprüfung bei der Polizei an. Danach bin ich vielleicht auch einmal etwas stressfreier und kann mich voll auf den Sport konzentrieren. Wichtig ist natürlich auch, verletzungsfrei zu bleiben. Wenn ich in der nächsten Saison den Kopf etwas freier habe, kann ich wieder neu angreifen.
SPORT1: Wollen Sie dabei auch die mentale Seite stärker angehen?
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Sprengel: Auf jeden Fall. Der Wettkampf hat mir gezeigt, dass ich mentale Unterstützung gebrauchen könnte, zum Beispiel durch einen Sportpsychologen. Ich glaube, das ist sehr wichtig. Viele Athleten arbeiten damit, ich habe das bisher noch nicht gebraucht. Aber ich denke, dass das jetzt eine Sache ist, die ich angehen kann.