Im hohen Bogen schmiss ALBA-Star Jack Kayil den Ball im Münchener SAP Garden meterhoch Richtung Hallendecke, wenige Meter neben ihm sprangen einige seiner Teamkollegen aufeinander und bildeten einen Haufen der Glückseligkeit – ALBA Berlin hatte es tatsächlich geschafft und die Meister-Sensation perfekt gemacht.
Durch das zweite unglaubliche Comeback in der BBL-Finalserie holten sich die Berliner die zwölfte Meisterschaft der Vereinsgeschichte. Und wohl keine Meisterschaft war so überraschend wie diese.
„Dieser Weg war ein Märchen“, sagte der begeisterte ALBA-Macher Marco Baldi auf SPORT1-Nachfrage. Der Geschäftsführer ist seit Jahrzehnten dabei und feierte alle zwölf Meisterschaften. Diese sei jetzt „auf jeden Fall die unerwartetste Meisterschaft“.
„Wir haben uns nie erschüttern lassen. Die Mentalität der Mannschaft ist unfassbar“, lobte Baldi weiter: „Wir haben wenige Spieler, die vorher schon mal ein Spiel fünf gespielt haben oder in den Playoffs mit dem Rücken zur Wand standen. Wie sie aus diesen Situationen noch enger zusammengewachsen sind, ist beeindruckend.“
BBL: ALBA holt Titel nach Fan-Kritik
Dass ALBA die hochfavorisierten Münchener stürzte, war durchaus erstaunlich. Erst recht, wenn man sich an den Saisonbeginn zurückerinnert. Damals hagelte es reichlich Kritik für die Berliner-Entscheidung, die Basketball-Königsklasse EuroLeague freiwillig zu verlassen.
Ob die Meisterschaft jetzt besonders süß schmecke, wollte deshalb SPORT1 von Baldi wissen. Dieser entgegnete: „Ich bin kein Mensch von Genugtuung. Für uns war wichtig, dass wir einen Wettbewerb finden, in dem wir Dinge aufbauen können.“
„Natürlich haben wir dafür sehr viel Gegenwind bekommen“, gestand der ALBA-Geschäftsführer, der dann enthüllte: „Es war sehr schwer, unseren Fans zu erklären, dass wir jetzt nicht mehr in der EuroLeague teilnehmen, sondern in der Champions League. Das war wirklich sehr schwer zu erklären.“
ALBA hielt an der eigenen Identität fest
Die Kritik am Wechsel in die zweit-, wenn nicht sogar drittklassige Champions League hatte also auch bei den ALBA-Fans für Zweifel gesorgt. Die Lücke zum großen Rivalen Bayern München schien immer größer zu werden. An eine 12. Meisterschaft und die erste seit 2022 glaubte vor der Saison wohl kaum jemand.
Doch die ALBA-Verantwortlichen spürten, dass sie diesen Schritt brauchen, um die eigene Identität nicht zu verlieren. Im Haifischbecken EuroLeague hätte man auf Dauer mit Teams, die sich chronisch verschulden oder externe Geldgeber haben, nicht mithalten können.
Auch um der eigenen Identität, verstärkt auf Eigengewächse zu setzen, treu zu bleiben, entschied man sich für den Wechsel. „Wir haben den Weg nie verlassen, aber wir haben uns wieder daran zurückerinnern müssen“, gab Baldi auf SPORT1-Nachfrage zu.
„Mit der ALBA-Milch aufgesogen“
„Es geht bei der Auswahl der Spieler los. Wir haben Spieler, die sind von sechs Jahren an bei uns groß geworden. Die haben eine ganz andere Verbindung zum Verein. Das, was hier gerade passiert, hat etwas damit zu tun, dass wir ein Basketball-Klub sind. Da fühlen sich viele dann wirklich zugehörig“, erklärte der ALBA-Macher den Weg des Vereins.
Im Berliner Kader befinden sich einige dieser angesprochenen Spieler. Mit Kapitän Jonas Mattisseck, Malte Delow und Jack Kayil gehören drei Akteure zum Meisterkader, die viele Jahre in der Jugend der Berliner verbrachten.
„Das gibt manchmal einen Prozent mehr an Verantwortung, dass man neuen Leuten erklärt, in welcher Stadt man ist und bei welchem Klub“, erklärte Baldi: „Da wird ein Spirit geschaffen, weil die das von klein auf, ich will jetzt nicht sagen mit der Muttermilch, aber eben mit der ALBA-Milch aufgesogen haben.“
ALBA-Weg wird belohnt
Genau diese Spieler halfen ALBA dann nicht nur bei der Integration von neuen Spielern, sondern spielten in der Finalserie und speziell im entscheidenden Spiel fünf eine zentrale Rolle.
Mattisseck absolvierte ausgerechnet im wichtigsten Spiel der Saison seine beste Partie und traf sechs seiner sieben Dreier. Kayil übernahm im Schlussviertel mit zehn Punkten und Delow traf nicht nur wichtige Dreier, sondern machte auch Bayern-Star Andi Obst das Leben zur Hölle.
Und dann stand an der Seitenlinie noch der Erfolgs-Coach Pedro Calles, der das Trainer-Duell gegen Ikone Svetislav Pesic gewann. Auch am Spanier hatte es viele Zweifel gegeben, doch ALBA schenkte dem Coach das Vertrauen.
„Wir haben Berichterstattung in ganz Deutschland gehabt, dass wir einen Trainer haben, der keine Playoff-Spiele gewinnt“, erinnerte sich Baldi an den Tenor in Basketball-Deutschland vor den Playoffs.
Zweifel gab es an der Konkurrenzfähigkeit von ALBA Berlin auf vielen Ebenen und von verschiedenen Seiten. Doch all diese Zweifel sind jetzt ausgeräumt – die Berliner haben es allen gezeigt.