Besser als durch dieses Bild vom 7. Mai kann man den Stellenwert von Matthias Ginter für den SC Freiburg nicht beschreiben. Die Fans nahmen ihren Helden nach dem Final-Einzug in der Europa League kurzerhand auf ihre Schultern. Und der Profi breitete stolz seine Arme aus. Am Mittwochabend können sich Ginter und Co. mit einem Sieg gegen Aston Villa (21 im LIVETICKER) in die Geschichtsbücher eintragen.

Was die Wertschätzung angeht, ergeht es dem Verteidiger allerdings außerhalb des Breisgaus ganz anders. Bundestrainer Julian Nagelsmann missachtete Ginter in den vergangenen Länderspielperioden stets. Dabei sprechen auch die Daten ganz klar für eine WM-Nominierung des Rechtsfußes.

Matthias Ginter wird nach Freiburgs Einzug ins Finale der Europa League gefeiert
Matthias Ginter wird nach Freiburgs Einzug ins Finale der Europa League gefeiertMatthias Ginter wird nach Freiburgs Einzug ins Finale der Europa League gefeiert© IMAGO/Nordphoto

Springt Ginter doch noch auf den WM-Zug?

Denn ein Vergleich der vielen Kandidaten für die Zentrale in der Defensive zeigt, dass sich Ginter im Duell mit seinen Kontrahenten Nico Schlotterbeck (BVB), Jonathan Tah (FC Bayern), Antonio Rüdiger (Real Madrid), Waldemar Anton (BVB), Malick Thiaw (Newcastle), Jeff Chabot (VfB Stuttgart), Yann Bisseck (Inter Mailand) und Robin Koch (Eintracht Frankfurt) nicht verstecken braucht – im Gegenteil!

Ginter könnte der deutschen Mannschaft sogar entscheidende Vorteile bringen, wenn er an seine Leistungen aus Freiburg anknüpft. Wettbewerbsübergreifend kam der 32-Jährige in dieser Saison auf 12 Scorerpunkte (5 Tore, 7 Assists) – das ist nicht nur im direkten Vergleich mit seinen Konkurrenten der Höchstwert, sondern unter allen Innenverteidigern aus den Top-5-Ligen Europas.

Ein weiteres Argument ist seine Stärke bei Standards, die im modernen Fußball einen immer höheren Stellenwert ausmachen. Durch seine Präsenz bei Standards kommt Ginter in dieser Liga-Saison im Vergleich mit den weiteren Bewerbern auch auf die meisten Abschlussvorlagen pro 90 Minuten (0.5) und auch die meisten Torvorlagen (4).

Doch nicht nur offensiv präsentierte sich Ginter in den vergangenen Monaten in absoluter Topform. Der Rechtsfuß kommt im Vergleich auf die zweitmeisten Klärungsaktionen (6.1) und bestrittenen Luftduelle (5.6) nach Stuttgarts Chabot (7.8 bzw. 7.2). Ginter foulte dabei im Schnitt nur 0,5-mal pro 90 Minuten. Das gelang keinem der anderen Kandidaten. Die Vermeidung von Standardsituationen könnte bei einem Turnier ebenfalls guttun. Zumal Nagelsmann das Leistungsprinzip ausgerufen hat.

Daten zeigen: Ginter besser als Konkurrenten

Das könnte Nagelsmann, der das Finale der Europa League in Istanbul gegen Aston Villa gemeinsam mit der gesamten DFB-Führungsriege um Präsident Bernd Neuendorf und Sportdirektor Rudi Völler im Stadion verfolgen wird, auch über kleine Schwächen hinwegsehen lassen. Die Passgenauigkeit von 87 Prozent und die Anzahl der Tacklings pro Spiel (0,7) bedeuten im Vergleich der DFB-Kandidaten den letzten Platz. In Kategorien wie erfolgreichen Luftduellen (62 Prozent) oder Ballgewinnen pro Spiel (3,4) liegt Ginter zudem auf dem vorletzten Rang.

Doch ist das wirklich einen Grund, den erfahrenen Mann mit mehr als 500 Profispielen außen vor zu lassen? Immerhin erlebt Ginter die vielleicht beste Saison seines Lebens. Er brachte Freiburg mit überragenden Leistungen in das Finale in der Europa League.

Schafft es Matthias Ginter noch zur WM?
Schafft es Matthias Ginter noch zur WM?Schafft es Matthias Ginter noch zur WM?© IMAGO/STEINSIEK.CH

Der Tenor war deshalb klar: Ginter sei viel zu gut für das Sofa. Ex-Nationalspieler Max Kruse sagte bei RTL deshalb: „Ich glaube, für die Anfangself wird es nicht reichen. Aber wenn man über Antonio Rüdiger und Robin Koch spricht, muss man auch Ginter in Betracht ziehen.“

Freiburg-Stürmer Igor Matanovic erklärte: „Als Bundestrainer würde ich ihn definitiv mitnehmen. Der Mannschaftserfolg spricht für sich und er hat einen riesigen Anteil daran.

Sogar Rekordnationalspieler Lothar Matthäus zeigte sich bei RTL als Fan und würde den Routinier „definitiv“ mitnehmen. „Wir reden gerade von seinen Kopfballtoren, aber was der hinten für ein Stellungsspiel hat, was er für ein Auge hat, ist unglaublich.“

Ginter gewann die WM 2014

Zudem spricht auch die Karriere im DFB eigentlich für Ginter. Schon 2014, als Deutschland die WM gewann, war er im Kader. Neben Manuel Neuer wäre er dann der einzige WM-Held von damals. Wenngleich er damals nicht zum Einsatz kam, kann er dennoch auf die Erfahrungen neben dem Platz in Brasilien zurückblicken. Erfahrung, die dem Gros des DFB-Kaders fehlt. Charaktere wie Ginter in der zweiten Reihe zu wissen, kann deswegen nur förderlich sein.

Doch ausgerechnet Nagelsmann schätzt den ehemaligen Dortmunder und Gladbacher offenbar nicht so sehr. Im März erklärte der Bundestrainer:  „Als Trainer wechselst du nicht von Spiel zu Spiel deine Innenverteidigung. Die Innenverteidigung ist sehr, sehr nah an deinem Herzstück und sollte nicht ständig verändert werden.“

Unter Nagelsmann hat Ginter seit September 2023 noch kein einziges Spiel gemacht. Angesprochen auf die Nicht-Nominierung im März reagierte er mit Enttäuschung und rechtfertigte sich. „Ich habe unter verschiedensten Trainern gearbeitet und bin ja nicht auf den Kopf gefallen, was Struktur und Abwehrverhalten angeht“, traute sich Ginter trotzdem eine schnelle Eingewöhnung zu.

Matthias Ginter (r. mit Mats Hummels) gewann bereits 2014 den WM-Titel
Matthias Ginter (r. mit Mats Hummels) gewann bereits 2014 den WM-TitelMatthias Ginter (r. mit Mats Hummels) gewann bereits 2014 den WM-Titel© IMAGO/Laci Perenyi

Nagelsmann: „Der Zug ist nicht abgefahren“

Nagelsmann erklärte auf einer Pressekonferenz zuletzt: „Matze Ginter spielt eine sehr gute Saison. Wir können nicht alle immer mitnehmen und jedem die Chance geben, aber versuchen schon, dass viele die Chance haben, sich auch zu zeigen. Der Zug ist nicht abgefahren.“

Am Donnerstag wird Ginter endgültig Klarheit haben, wenngleich ihn ein Anruf vom Bundestrainer womöglich auch schon früher erreichen dürfte. Für ihn könnte es ein ganz großer Tag werden. Der 32-Jährige könnte im Idealfall als frischgebackener Europa-League-Sieger ins WM-Aufgebot berufen werden. Die Freiburger Fans würden ihren Leistungsträger sicher wieder auf Händen tragen.