Dem FC Bayern ist die Meisterschale überreicht worden, mit Heidenheim und St. Pauli sind zwei Teams abgestiegen – aber das größte Thema nach dem letzten Bundesliga-Spieltag war Manuel Neuer und seine angebliche Rückkehr ins Tor der deutschen Nationalmannschaft.
“Jetzt komme ich einmal – einmal im Jahr – und dann haben wir so ein Thema”, sagte Oliver Kahn zu Beginn seines Besuchs beim SPORT1 Doppelpass. Am Vortag hatte Sky berichtet, dass Neuer trotz seines Rücktritts bei der anstehenden Weltmeisterschaft wieder das DFB-Tor hüten soll. Für Kahn keine gute Idee.
Kahn und Sobitc warnen Nagelsmann vor Torwartwechsel
„Wenn man jetzt auf die Idee kommt, einen Torwarttausch wahrzunehmen… Das ist schon abenteuerlich. Denn das hat nicht nur Ausstrahlung auf Oliver Baumann selbst, sondern auch auf die Mannschaft“, warnte Kahn.
Die Worte gingen unmissverständlich an die Adresse von Bundestrainer Julian Nagelsmann: „Wie glaubwürdig, wie verlässlich sind dann Aussagen, wenn sie in Zukunft kommen?“ Der DFB-Coach hat sich öffentlich noch nicht festgelegt.
Zuspruch erhielt Kahn unter anderem von Ex-Profi Neven Subotic. Dieser sprach mit Blick auf Nagelsmann von “Widersprüchlichkeit” und ungünstigen Zeitpunkten: „Manchmal muss man einen guten Zeitpunkt forcieren. Es wäre ja auch unfair, wenn Neuer einen Tag vor der Wahl sagt: ‘Ja, jetzt fühle ich mich danach’. Ja, kannst du machen, weil du einen Legendenstatus hast. Aber: Bedenke, du bist Teil der Mannschaft. Und dann musst du dich da auch einordnen, damit es Klarheit gibt.“
Diese Klarheit sei für eine Mannschaft wichtig: “Und momentan spricht man von Dingen, die ein paar Wochen Gültigkeit haben und dann wieder nicht. Und das möchte man nicht von einem Trainer.“
Sutbotic weiter: „Baumann möchte ich jetzt gar nicht sein. Der muss einerseits Neuers Rolle füllen – das ist schon schwer an sich, jetzt aber noch mit einem Stück weniger Sicherheit.“ Und selbst mit Neuer im Tor könnten Glanzleistungen ausbleiben: „Dann steht auch Nagelsmann dort in einer schlechten Situation. Und ein gewisser Schaden ist jetzt getan.“
Der ehemalige Weltklasse-Torhüter Kahn stimmte zu. Als Spieler, gerade als Keeper, müsse man wissen, woran man ist: „Da brauchst du jemand, mit dem du ein gewisses Vertrauensverhältnis hast.“ Wie solle Baumann in dem Wissen, nicht erste Wahl gewesen zu sein, in die WM gehen?
Kahn: So kam es zum Baumann-Dilemma
Wie es soweit kommen konnte? Kahn skizzierte die zerfahrene Situation so: “Zunächst muss man überlegen, wieso diese Situation entstanden ist. Es war eigentlich immer klar, dass Oliver Baumann die Nummer 1 im deutschen Tor sein wird.“
Es sei aber “immer ein schwieriger Moment, wenn du dann wirklich spürst, du bist die Nummer 1. Du musst deine Position verteidigen – und das macht was mit dir. Jetzt schaut jeder auf dich.”
Und an diesem Punkt seien die Leistungen Baumanns “nicht mehr so solide und so konstant” gewesen. Kahn befand: “Und das hat dazu geführt – parallel mit den Leistungen von Manuel – dass sich Julian Nagelsmann seine Gedanken gemacht hat.”
Kahn plädiert für Baumann
Kahns Plädoyer, wer bei der WM im DFB-Kasten stehen soll, fällt trotzdem pro Baumann aus: „Er hat sich nichts zuschulden kommen lassen. Er hätte es verdient, Nummer 1 zu sein.“
Dass Neuer, der kürzlich erst seine Vertragsverlängerung beim FC Bayern bekannt gab, immer noch in blendender Verfassung sei, erkannte Kahn dabei natürlich an. Aber: „Bei Manuel muss man wissen, es ist möglich punktuell immer noch Weltklasse-Leistungen zu bringen. Es ist aber schwierig, das im Zwei-, Dreitage-Rhythmus hinzubekommen. Und das würde eine gewaltige Herausforderung für Manuel werden.“
Kahn über Neuer als Nummer 2: „Warum nicht?“
Ein weiteres mögliches Szenario könnte sein, dass Neuer zwar mit zur WM fährt, aber eben als Nummer 2. Doch würde Neuer sich auf die Bank setzen?
„So wie ich Manuel kennengelernt habe, ist er jemand, der immer versucht, das Beste für etwas zu wollen. Also: Warum nicht?“, antwortete Kahn nach kurzem Grübeln.
SPORT1-Experte Stefan Effenberg riet Neuer derweil von einer WM-Teilnahme ab: „Eine Weltmeisterschaft zu spielen ist etwas ganz Besonderes. Aber ich stehe zu meinem Standpunkt, dass er diese Ruhepause braucht, um seinen Körper an 100 Prozent heranzubringen.“
Neuer sei eben anfällig „und das brauchst du bei diesem Turnier nicht. Die Torwart-Position ist eine sehr sensible, auf der du eine klare Entscheidung treffen musst. Das hat Nagelsmann bislang nicht getan. Und das sehe ich als Fehler.“