Sein Vorbild war ein Revolutionär des Skispringens – und in seinem Windschatten schrieb auch ein Deutscher Geschichte.
Der Thüringer André Kiesewetter war der erste Deutsche, der im V-Stil sprang, den der Schwede Jan Boklöv Ende der Achtziger erfand – und der erste Deutsche, der damit siegte. Vor dem Hintergrund von Boklövs 60. Geburtstag steht auch die Geschichte des heute 56 Jahre alten Kiesewetter im Blickpunkt. In einem Interview mit dem SID wünscht sich der Weggefährte der Ikonen Jens Weißflog und Dieter Thoma mehr Anerkennung für Vorbild Boklöv.
DDR-Springer Kiesewetter folgte Boklövs Spuren
„Jan Boklöv hat das Skispringen revolutioniert. Es gibt nur wenige Athleten, die ihren Sport im Alleingang derart verändert haben. Der V-Stil sollte Boklöv-Stil heißen“, sagte der Thüringer dem SID.
Der Schwede Boklöv hatte 1988 mit gespreizten Skiern trotz massiver Punktabzüge seinen ersten Weltcupsieg gefeiert. Kiesewetter verabschiedete sich daraufhin noch vor Weißflog und Thoma vom Parallelstil und schaffte 1990 als zweitet V-Springer nach Boklöv einen Weltcupsieg.
„1987, 1988 sprach es sich herum, dass es da einen gibt, der anders springt“, erinnert sich Kiesewetter: „Als das DDR-Fernsehen dann ein Springen übertrug, haben wir trainingsfrei bekommen, um uns das anzuschauen. Da kam dann einer, der die Beine gespreizt hat. Wir haben nur mit dem Kopf geschüttelt. In Oberhof habe ich ihn das erste Mal live gesehen. Ich habe mir seinen Sprung immer wieder auf Video angeschaut und gedacht: Wahnsinn.“
Der spätere gesamtdeutsche Bundestrainer Reinhard Heß allerdings erkannte die Zeichen der Zeit – und verpflichtete Kiesewetter, sich der Revolution anzuschließen: „An dem Abend mussten Ingo Züchner und ich zu unserem Trainer Reinhard Heß aufs Zimmer. Es war schon spät, ich war ganz überrascht. Er sagte: Ihr beide lernt jetzt den V-Stil.“
„Heß hat gesagt: Wir machen weiter“
Warum er und Züchner von dem 2007 verstorbenen Heß ausgewählt wurden? „Wir waren jung und sprangen sauber, aber nicht weit. Wir mussten das V testen, erst im Windkanal, dann auf der Schanze. Bei den ersten zwei Sprüngen bin ich gestürzt, da hatte ich die Nase voll. Aber Heß hat gesagt: Wir machen weiter. Züchner gab auf, bei mir stellten sich erste Erfolge ein.“
Am 2. Dezember 1990 feierte Kiesewetter als zweiter V-Springer einen Weltcuperfolg: Er siegte auf der Großschanze in Lake Placid, am 13 Tage später folgte Platz 1 auf der Normalschanze in Sapporo. Im Anschluss stellten alle Springer ihren Stil um.
Ein Siegspringer blieb Kiesewetter unter den neuen Vorzeichen nicht. Der größte Erfolg, der noch folgte, war 1991 Team-Bronze bei der WM in Val di Fiemme – mit Weißflog, Thoma und Heiko Hunger.
Ein weiteres Highlight schaffte Kiesewetter im selben Jahr beim Skifliegen in Planica, als er mit einem Sprung über 191 Meter den damaligen Weltrekord einstellte. Ein noch weiterer Flug über 196 Meter wurde nicht gewertet, weil er bei der Landing in den Schnee griff. 1995 beendete Kiesewetter seine aktive Karriere.
Das machen Kiesewetter und Boklöv heute
Später bedankte sich Kiesewetter, der heute als Physiotherapeut der Schweizer Skispringer arbeitet, bei Boklöv. „Jan und ich haben uns später mal an der Schanze getroffen, 1994/95 war das. Er war ja nie der Gesprächige, aber ich habe mich bei ihm bedankt. Meine Karriere hätte ohne ihn einen ganz anderen Lauf genommen. Ich habe ihm gesagt, dass er das Aushängeschild des Skispringens geworden ist.“, so der 56-Jährige.
Weil die WM 2027 im schwedischen Falun stattfindet, wo Boklöv einst den V-Stil entwickelte, wünscht sich Kiesewetter eine dortige Ehrung für den Skisprung-Pionier. „Ich habe gehört, dass man ihn da an die Schanze locken will. Ich hoffe, dass er dort geehrt wird. Ich werde darüber mal mit FIS-Renndirektor Sandro Pertile reden“, sagte er.
Persönlichen Kontakt zu Boklöv hat Kiesewetter nicht mehr: „Er lebt zurückgezogen, hat wohl ein kleines Häuschen im Wald und angelt. Er ist eher ein stiller Genießer.“ Zum 60. Geburtstag wünscht Kieswetter Boklöv „Gesundheit – und dass er sich öfter mal an der Schanze blicken lässt“.
—- Mit Sport-Informations-Dienst (SID)