Der 20. September 2025 ist ein Tag, der allen Fans von Sheffield Wednesday so vorkommen dürfte, als wäre er längst Jahre entfernt. An jenem Samstag ereignete sich im Fratton Park in Portsmouth nämlich etwas, das aus heutiger Sicht wie eine Errungenschaft aus antiken Zeiten wirkt: Denn Sheffield gewann damals tatsächlich ein Fußballspiel. Das 2:0 gegen den FC Portsmouth am 6. Spieltag der Championship war der bisher letzte Sieg der „Owls“, der eigentlich so stolzen Eulen aus Yorkshire.
Seither wartet man auf einen Dreier, seit 37 Spielen ist Wednesday inzwischen sieglos: Das ist ein historischer Negativrekord. In 138 Jahren englischer Fußballgeschichte hat noch kein Team eine solche Durststrecke erlebt. Mit einem 0:0 gegen Coventry City sicherten sich die Engländer am vergangenen Samstag den unrühmlichen Rekord.
Sheffield Wednesday: Warum das Projekt zusammenbrach
Der Stolz in einem der ältesten Vereine des Landes ist längst verflogen, die Sheffielder stehen schon seit Februar als Absteiger in die League One fest. Letzter Tabellenplatz, minus vier Punkte. Richtig gelesen, MINUS vier. Denn im Oktober 2025 hatte Wednesday Insolvenz angemeldet. Die English Football League (EFL) verhängte 12 Punkte Abzug als Strafe, im Dezember folgten weitere sechs.
Von diesen 18 Minuspunkten konnten die Eulen bisher nur 14 wettmachen (ein Sieg, elf Remis in dieser Spielzeit). Das Premier-League-Gründungsmitglied kann fest mit dem Abstieg aus der Championship und ab Sommer mit Drittligafußball planen. Wie konnte es mit dem Traditionsklub so weit kommen?
Die Antwort hängt vor allem mit einem Namen zusammen: Dejphon Chansiri. Der 57-jährige Thailänder war von 2014 bis zur Insolvenz Klubeigentümer und hat Sheffield in den Augen der Fans ins totale Chaos gestürzt.
Seit seiner Übernahme hatte Chansiri, dessen Familie Eigentümer des weltweit größten Unternehmens für Thunfischkonserven ist, erfolglos versucht, mit den „Owls“ in die Premier League aufzusteigen. Doch das Projekt entpuppte sich als Katastrophe.
Verein verschleißt vier Trainer in einer Saison
Ein Blick zurück: 1992 gehörte Sheffield Wednesday noch zu den Gründungsmitgliedern der neu geschaffenen Premier League. 2000 folgte der erste Abstieg, 2014 übernahm Chansiri dann vom vorherigen Eigentümer Milan Mandarić und gab für den Zweitligisten ein klares Ziel aus: die Rückkehr in die Premier League.
Teil dieses Projekts war später auch Elias Kachunga, der in Deutschland unter anderem für Borussia Mönchengladbach und Paderborn spielte und 2016 zu Huddersfield ging. „Als ich 2016 nach England gekommen bin, haben sie sehr viel Geld in die Mannschaft investiert und es dann über die Jahre nicht geschafft, in die Premier League zu kommen“, erinnert sich der Ex-Sheffield-Spieler im exklusiven Gespräch mit SPORT1.
Knapp 28 Millionen Euro gab der Verein in den ersten drei Jahren unter Chansiri für neue Spieler aus. Das Team war zwei Mal nah dran am Aufstieg (2016 und 2017), verlor aber jeweils die Playoff-Spiele. Anschließend nahm das Unheil seinen Lauf.
Die Transferpolitik geriet völlig aus dem Ruder, Trainer kamen und gingen im Halbjahrestakt. Kachunga etwa wechselte 2020 nach Sheffield und erlebte in seiner ersten und einzigen Saison bei den Eulen vier verschiedene Übungsleiter.
Traditionsklub: „Es war ein schleichender Tod“
Sheffield rutschte in der Tabelle ab, 2021 folgte der Abstieg in Liga drei. „Es war alles ziemlich chaotisch“, erinnert sich Kachunga. Immer wieder habe es Probleme im Klub gegeben. Einmal konnte etwa „der Rasen vom Trainingsgelände nicht neu verlegt werden“, weil das Geld für die Arbeiter nicht bezahlt worden war. „Es war ein schleichender Tod“, befindet der 33-Jährige, der inzwischen für Cambridge United in der League Two (4. englische Liga) spielt.
Zur selben Zeit begann auch die finanzielle Anarchie. Im Dezember 2020 wurde bekannt, dass Spieler zum wiederholten Mal kein Gehalt überwiesen bekommen hatten – ein Phänomen, das sich in den kommenden Jahren wie ein roter Faden durch die Geschichte des Vereins ziehen sollte.
Einer der betroffenen Spieler war Kachunga: „Da wurde uns natürlich versichert, dass es auf jeden Fall ankommt, aber es kam halt später. Wir hatten ein paar Monate, in denen das Geld zwei Wochen später gekommen ist, weil es Probleme gab, dass der Besitzer das Geld angeblich in einem anderen Land hatte. Sowas wurde uns erzählt“, verriet Kachunga. Nach der Saison verließ er den Klub direkt wieder und ging zu den Bolton Wanderers.
Eigentümer legt sich mit Sheffield-Fans an: „Ihr habt kein Recht“
Im Oktober 2023 verhängte die EFL dann ein Verbot, das es Sheffield untersagte, neue Spieler für den Ligabetrieb anzumelden, denn die „Owls“ hatten erneut nicht gezahlt. Diesmal jedoch nicht das eigene Personal, sondern die britische Steuerbehörde HM Revenue and Customs (HMRC). Auch dieses Vergehen blieb kein Einzelfall.
Der Unmut der Fans gegenüber Eigentümer Chansiri wuchs – dieser drohte damit, bei anhaltender Kritik seine Zahlungen einzustellen. „Ihr habt nicht das Recht, mich aufzufordern, zu gehen“, polterte der Thailänder damals, und bat die Fans dann – zu allem Überfluss – noch darum, zwei Millionen Pfund aus eigener Tasche zu sammeln, um die Schulden des Vereins abzubezahlen. Das Tischtuch war endgültig zerschnitten.
Heftiger Protest gegen Eigentümer: Fans stürmen den Platz
Die aufgestaute Wut der Fans gipfelte dann vor Saisonbeginn 2025 in skurrilen Szenen: Vor dem Heimspiel gegen Leicester City marschierten tausende Sheffield-Fans mit Plakaten durch den Hillsborough Park zur Arena und hielten dabei ein großes Plakat hoch: „Dejphon Chansiri, verkauf den Club!“ Die Anhänger trugen ihren eigenen Verein symbolisch zu Grabe. Der Anpfiff musste verzögert werden, weil auf der Tribüne zu laut gepfiffen wurde.
Wenige Wochen zuvor hatten unzählige Spieler und Angestellte, darunter der deutsche Trainer Danny Röhl, der seit 2023 im Amt gewesen war, den Verein verlassen. Es hatte erneut keine Gehaltszahlungen gegeben, Spieler drohten mit Klagen.
Die Konsequenz war eine Transfersperre bis 2027. In der Folge blieben viele Zuschauer den Spielen der Eulen fern oder – so geschehen bei der 0:5-Heimpleite gegen Coventry im Oktober 2025 – stürmten den Platz, um gegen Chansiri zu protestieren.
Sportlich lief es ohnehin nicht: Mit dem Kader, den die Eulen nach den Abgängen vor Saisonbeginn notdürftig zusammengezimmert hatten, war und ist in der Championship nichts zu holen. Das Team von Henrik Pedersen, der 2018 mal Eintracht Braunschweig trainierte, steht nach 42 Spielen bei einem Sieg, elf Unentschieden und 30 (!) Niederlagen.
Es droht schon die nächste Katastrophe
Ex-Spieler Kachunga hofft, Wednesday könne durch den Abstieg in die dritte Liga „nochmal neu starten“. Leicht dürfte das aber nicht werden – denn bereits jetzt droht den Eulen der nächste Punktabzug (-15) zum Start der neuen Saison wegen Verstößen gegen die Transferregeln.
Immerhin: Mit dem US-Investor David Storch ist ein neuer Besitzer im Anflug, die Verhandlungen gelten als weit fortgeschritten. „Ich meine es ernst, wenn ich sage, dass die Fans den Verein wieder besitzen und wir bloß die Hüter sein werden“, sagte Storch der BBC.
Worte, die wie Musik in den Ohren der Fans klingen dürften. Es lässt sich also ein Fünkchen Licht am Ende des Tunnels in Sheffield erahnen – das können sie gut gebrauchen in diesen so finsteren Zeiten.