Emma Raducanu galt nach ihrem sensationellen Triumph bei den US Open 2021 als neue Kronprinzessin der Tenniswelt. Mit gerade einmal 18 Jahren gewann sie ihren ersten Grand-Slam-Titel und schien bereit, die Spitze zu erobern.
Als erste britische Grand-Slam-Siegerin seit 44 Jahren – nach dem Wimbledon-Erfolg 1977 von Virginia Wade – schrieb Raducanu Geschichte. Ihr Sieg in New York sollte aber nur der Anfang einer großen Karriere sein und mit ihrer Ausstrahlung auf sowie neben dem Court sahen in ihr viele bereits den nächsten großen Superstar.
Viereinhalb Jahre später scheint klar, dass es dazu nie kommen wird. Zwar zählt Raducanu aufgrund riesiger Werbeeinnahmen noch zu den größten Sternchen der Sportart, doch sportlich ist die in Toronto geborene Tennisspielerin deutlich vom Weg abgekommen.
In den vergangenen Jahren bestimmte sie meist mit Trainerwechseln und Turnierabsagen die Schlagzeilen, vor allem in England. Als Weltranglisten-28. spielt sie aktuell nur eine Nebenrolle, wenn es um die größeren Titel geht – auch, weil es in ihrem Umfeld an Stabilität fehlt.
Emma Raducanu doch nur One-Hit-Wonder?
Um diese Entwicklung zu verstehen, lohnt sich ein Blick zurück auf den Beginn ihres rasanten Aufstiegs. Im Sommer 2021 rechnete kaum jemand mit dem Youngster, denn wenige Wochen zuvor stand sie noch auf Platz 338 der Weltrangliste.
Nur dank einer Wildcard durfte sie in Wimbledon starten und spielte sich überraschend ins Achtelfinale. Damit sorgte sie zum ersten Mal für großes Aufsehen, doch das war nichts im Vergleich zu dem, was einige Wochen später folgte. Bei den US Open kämpfte sie sich erst durch die Qualifikation und stand nach sechs weiteren Siegen sensationell im Endspiel.
Bei ihrer zweiten Grand-Slam-Teilnahme überhaupt besiegte die damalige Nummer 150 der Welt im Finale die Kanadierin Leylah Fernandez mit 6:4, 6:3 und sprang anschließend auf Rang 23.
Raducanu und die ständigen Trainer-Wechsel
Eines der größten Märchen der Tennis-Geschichte war perfekt. Eines, das zugleich auch den Beginn einer ungewöhnlichen Entwicklung markierte. Denn schon während ihres bisher erfolgreichsten Sommers zeigte sich ein bemerkenswertes Muster.
Trotz des starken Wimbledon-Auftritts 2021 trennte sie sich von ihrem damaligen Headcoach Nigel Sears. Mit Trainer Andrew Richardson folgte der US-Open-Titel in New York, nur um sich zwei Wochen später auch von ihm wieder zu lösen.
„Es ist schwierig, so ein Gespräch zu führen. Aber ich denke, für mich ist es genau das, was ich brauche“, sagte Raducanu damals.
Sie erklärte ihre Entscheidung damit, einen Trainer mit mehr Erfahrung zu benötigen: „Ich hatte das Gefühl, dass ich jetzt wirklich jemanden brauche, der das schon durchgemacht hat und mich auf meinem Weg begleiten kann.“
Kein Trainer kann Raducanu das Wasser reichen
Dieses turbulente Trainer-Karussell setzte sich fort. Insgesamt achtmal wurde die Position seitdem neu besetzt und oft ebenso schnell wieder geräumt. Niemandem gelang es, dauerhaft Zugang zur jungen Britin zu finden oder Stabilität in ihr Spiel zu bringen.
„Viele Leute haben mir gesagt, was ich tun soll, und das passt nicht unbedingt zu mir. Ich möchte zu meiner natürlichen Spielweise zurückkehren“, erklärte Raducanu im März: „Das braucht Zeit, um es wieder zu erlernen, weil mir das von meinem Trainer ein wenig genommen wurde.“
Damit bezog sich Raducanu auch auf Francisco Roig, der nach einem missglückten Saisonstart bei den Australian Open 2026 bereits nach knapp fünf Monaten gehen musste. Der neue Coach von Iga Swiatek soll versucht haben, Raducanus Spielstil zu sehr zu ändern.
Seitdem verzichtet sie bewusst auf einen Vollzeit-Trainer. Die 23-Jährige erklärte, dass sie „nicht unbedingt einen einzigen Coach in dieser Position haben“ wolle – eine Entscheidung, die nicht alle nachvollziehen können.
So wurde die Tennis-Ikone Martina Navratilova bei Sky deutlich: „Du brauchst jemanden in Vollzeit. Das muss nicht unbedingt der Beste sein, aber es muss Kontinuität geben und man muss dieser Person die Chance geben, einen kennenzulernen, die eigene Geschichte zu verstehen und einen Unterschied zu machen.“
Vollzeitstelle mit speziellen Kriterien gesucht
Auch die frühere Wimbledon-Siegerin Marion Bartoli sieht in der fehlenden Kontinuität ein Problem: „Ich glaube sehr fest daran, dass sie jemanden finden muss, dem sie über einen langen Zeitraum vertrauen kann, wenn sie sich verbessern will.“
Raducanu selbst betonte: „Ich bin offen für eine Vollzeit-Zusammenarbeit. Nur möchte ich nicht, dass ein Trainer kommt und sagt: ‚Machen wir das.‘ Ich stimme dem nicht zu, aber ich bin gezwungen, ihnen zuzuhören.“
Aktuell arbeitet sie mit Alexis Canter zusammen und zeigte sich zumindest zufrieden. „Es wird nicht einfach sein, eine einzige Person zu finden, die alle Kriterien erfüllt“, gab sie zu.
Nick Cavaday war bislang der einzige Coach, der eine komplette Saison (2024) an ihrer Seite blieb. Mit diesem hatte Raducanu bereits in ihrer Kindheit zusammengearbeitet, er zog sich Anfang 2025 aber schließlich selbst aus gesundheitlichen Gründen zurück.
Zu Beginn des Jahres hatte Raducanu selbst angekündigt, die Anzahl ihrer Turniere bewusst reduzieren zu wollen, um wieder zu sich zu finden und langfristig Stabilität aufzubauen. Diese Entscheidung sorgte in der Szene für weitere Diskussionen.
So zeigte sich Andy Roddick, US-Open-Sieger von 2003, in seinem Podcast „Served“ skeptisch über Raducanus Vorgehen des reduzierten Turnierplans: „Ich glaube nicht, dass die derzeitige Herangehensweise zu einer Platzierung in den Top Fünf oder Top Zehn führen kann. Aber ich würde mich gerne irren, denn sie ist großartig für den Sport.“
Krankheit bremst Raducanu erneut aus
Raducanu zählt immer noch zu den populärsten Tennisspielerinnen weltweit, vor Werbeangeboten kann sie sich kaum retten. Hin und wieder zeigt sie aber auch sportlich, was in ihr steckt. Die Weltranglisten-28. erreichte im Februar 2026 beim Turnier in Cluj erstmals seit ihrem US-Open-Triumph 2021 wieder ein Finale auf größerer Bühne.
Das verlor sie zwar deutlich, dennoch war ein Formanstieg zu erkennen. Doch wie so oft wurde sie anschließend von gesundheitlichen Problemen ausgebremst und musste ihre Teilnahme an mehreren Turnieren absagen. Seitdem kuriert sie einen viralen Infekt aus, den sie bereits seit Anfang Februar mit sich herumträgt.
In der Folge sagte sie sowohl für die Miami Open als auch das Turnier in Linz ab. Da sie noch nicht bei 100 Prozent ist, nimmt sich Raducanu bewusst Zeit, um vollständig zu regenerieren – geplant ist die Rückkehr beim WTA-1000-Turnier in Madrid Ende April. Ob sich diese Pause positiv auszahlt und Raducanu zu alter Stärke zurückfindet, bleibt abzuwarten.
Klar ist jedoch: Das einstige Ausnahmetalent, das mit 18 Jahren die Tenniswelt in nur einem Sommer eroberte, steht weiterhin vor der Herausforderung, ihr enormes Potenzial dauerhaft abzurufen, um die Entwicklung vom gefeierten Wunderkind zur konstanten Topspielerin abzuschließen.