Über die Osterfeiertage schlägt der Darts-Zirkus seine Zelte in München auf. Als einer von zwei verbliebenen Deutschen darf sich Martin Schindler am Finaltag noch Hoffnungen auf den Titel beim German Darts Grand Prix machen.

Der 29-Jährige setzte sich am Sonntagabend in einem hart umkämpften Match mit 6:4 gegen Brendan Dolan durch und brüllte anschließend die Freude vor heimischem Publikum aus sich heraus. Damit sicherte sich Schindler das Ticket fürs Achtelfinale, in dem er am Ostermontag im vorletzten Spiel der Nachmittagsession auf Nathan Aspinall trifft.

Martin Schindler ist beim Finaltag des German Darts Grand Prix dabei
Martin Schindler ist beim Finaltag des German Darts Grand Prix dabeiMartin Schindler ist beim Finaltag des German Darts Grand Prix dabei© IMAGO/Pro Sports Images

Im exklusiven SPORT1‑Interview nach seinem Zweitrundensieg spricht Schindler über die spürbare Erleichterung, mentale Baustellen, den Achtungserfolg seines langjährigen Weggefährten Marcel Hausotter – und erklärt, warum die Reaktion der Fans auf seinen neuen Walk-on-Song für ihn eine besondere Bedeutung hat.

Martin Schindler atmet nach Sieg auf

SPORT1: Herr Schindler, Glückwunsch zum Sieg. Bei Ihrem Jubel auf der Bühne hatte man das Gefühl, da ist sehr viel Erleichterung abgefallen. Ist das richtig? 

Martin Schindler: Ja! Ich hatte eigentlich beim Einspielen ein gutes Gefühl, auch dass es vom Rhythmus her gepasst hat. Ich habe viele 180er und 140er geworfen. Ich hatte gute Finishes und Checks, aber dann steht man auf der Bühne und merkt nicht mehr so viel davon. Teilweise sind mir die Darts, die im unteren Bereich des Triples sind, immer abgesackt. Das hat mich ein bisschen belastet, dadurch musste ich immer ein bisschen übers Board wandern. Ich habe es mir selbst ein bisschen schwieriger gemacht, als es hätte sein müssen.

SPORT1: Sie haben während des Spiels auch immer wieder zu Ihrem Anhang geschaut. Wie viel Kraft hat das gegeben? 

Schindler: Ich muss ehrlich sagen, dass das für mich eine ungewohnte Situation ist, dass bei mir jemand da unten sitzt. Das war jetzt „Hausi“ (Marcel Hausotter; Anm. d. Red.) und noch jemand anderes aus Berlin. Das sind Leute, die kenne ich noch vom Darts, wo ich kein Martin Schindler war. Da war ich einfach ein kleiner Junge, der dazu kam, geworfen hat und gar nicht so schlecht war. Ich habe es eben schon auf der Bühne gesagt: Es ist einfach schön, dass man sich daran erinnern kann, woher man kommt. Man merkt dadurch, dass man schon einen weiten, weiten Weg gegangen ist. Ich habe speziell „Hausi“ viele Jahre nicht mehr gesehen. Mich freut es, dass er so gut bei dem Turnier abgeschnitten hat. Mich hat es natürlich auch gefreut, dass ich gewonnen habe. Ich habe einfach versucht, das Beste aus dieser Gesamtsituation zu machen und daraus Kraft zu ziehen.

Deutsche Darts-Überraschung begeistert Schindler

SPORT1: Sie haben es angesprochen: Marcel Hausotter hat Sie voll supportet und selbst mit seinem überraschenden Sieg gegen Raymond van Barneveld in der ersten Runde für Aufsehen gesorgt. Wie haben Sie seine Leistung am Samstag und Sonntag gesehen? 

Schindler: Sehr, sehr gut. Wir Profis spielen auf der Bühne 20, 25 Mal im Jahr. Das war erst das dritte Mal, dass er auf der European Tour gespielt hat, und er hat jetzt seinen ersten Sieg. Beim Spiel gegen Johnny Clayton (5:6-Niederlage am Sonntag; Anm. d. Red.) hat er echt gut abgerissen. Ich weiß von Haus aus, dass er sehr gut spielen kann, dass er das schon immer konnte. Aber er hat das jetzt auch auf der großen Bühne vor dreieinhalb, viertausend Leuten gezeigt. Ich finde, das ist ganz schön viel wert.

SPORT1: Sie sind bei diesem Turnier der neunt-höchstgesetzte Spieler, nachdem mehrere Top-16-Spieler abgesagt haben. Haben Sie sich mit dieser Situation im Vorfeld beschäftigt und sich möglicherweise andere Erwartungen gesteckt?

Schindler: Eigentlich nicht. Ich muss hierher kommen und mein eigenes Spiel machen. Alles andere ist wurscht. Jede Woche ist eine neue Woche und man muss jedes Mal aufs Neue Gas geben. Ich spiele kein gutes Jahr, das ist mir auch absolut bewusst. Aber wenn ich wüsste, woran es liegen würde, würde es mir wahrscheinlich auch gar nicht erst passieren. Trotzdem: Ich kämpfe weiter, ich gebe weiter Vollgas und versuche, das ganze Ding noch in die richtige Richtung zu lenken. Das ist jetzt das vierte European-Tour-Turnier dieses Jahr und dank meiner Leistungen der letzten Jahre stehe ich schon das zweite Mal in Runde drei. Das ist viel wert. Jetzt heißt es anknüpfen und weitermachen.

„Vom Kopf her habe ich das Gefühl, ich kann mehr machen“

SPORT1: Was sind Ihre Ansätze im Training, damit Sie wieder an Ihr Scoring von früher herankommen?

Schindler: Ich glaube, es hat gar nicht so viel mit dem Training zu tun. Bei mir ist es eigentlich der Kopf. Ich weiß gar nicht, wie ich es beschreiben soll. Ich fühle mich extrem entspannt und konzentriert, gerade beim Einspielen. Aber ich merke, wenn ich oben auf der Bühne stehe und meine Darts werfe, dass sich immer wieder, im Englischen würde man sagen „lazy darts“, faule Darts einschleichen – obwohl sie gefühlt gut geworfen sind. Die Konzentration ist nicht zu einhundert Prozent da, das merkt man. Vom Kopf her habe ich das Gefühl, ich kann mehr machen. Ich spiele beim Einspielen echt gut: Ich werfe momentan gefühlt mehr 180er als früher. Aber es bringt mir natürlich nichts, wenn ich das im Spiel überhaupt nicht ans Board bringe.

Schindlers Walk-on-Song reißt die Fans mit

SPORT1: Sie haben in den letzten Monaten an Ihrem Walk-on-Song getüftelt, immer wieder etwas Neues ausprobiert. Jetzt haben Sie mit „In the End“ von Linkin Park einen Song, der beim Publikum gut ankommt. Wie nehmen Sie das wahr?

Schindler: Ich finde es wirklich klasse, dass „In the End“ – egal in welchem Land wir bisher waren – super angekommen ist. Egal ob England, Belgien, Deutschland oder in Polen. Es war bisher immer toll. Es freut mich, dass es bei den Zuschauern so gut ankommt. Da ich seit Jahren begeisterter Linkin-Park-Fan bin, passt „In the End“ wie der Nagel auf den Kopf.