Der Sprung in die sportliche Unsterblichkeit begann mit einer kleinen Schummelei. „Ich war in Wirklichkeit nur 1,73,5 Meter groß, aber ich habe damals 1,75 Meter angegeben, weil das die Mindestgröße für die Hochsprung-Karriere in der DDR war“, gestand Rosemarie Ackermann einst dem SID.

Eine notwendige Flunkerei, ohne die die Leichtathletikwelt um einen historischen Moment ärmer geblieben wäre: Am 26. August 1977 schrieb die damals 25-Jährige – die heute 74 Jahre alt wird – im West-Berliner Olympiastadion Geschichte, als sie als erste Frau weltweit die magische Zwei-Meter-Marke überwand.

Rosemarie Ackermann gilt als DDR-Ikone
Rosemarie Ackermann gilt als DDR-IkoneRosemarie Ackermann gilt als DDR-Ikone© IMAGO/Laci Perenyi

„Es war mucksmäuschenstill“

„Als ich auf der Matte landete, habe ich die Hände vor dem Gesicht zusammengeschlagen, weil ich die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte“, erinnerte sich Ackermann an den Moment, der ihr Leben für immer veränderte. Es war exakt 20.14 Uhr, als die Lausitzerin im Straddle-Stil – von ihr liebevoll „Wälzer“ genannt – bäuchlings die Latte überflog.

„Es war mucksmäuschenstill im Stadion. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können“, beschrieb Ackermann den Moment vor ihrem Anlauf. „Dann bin ich abgesprungen, und ich merkte schon über der Latte, dass sie liegen blieb.“

Dabei war der Rekordsprung fast nebenbei entstanden. Erst am Nachmittag war Ackermann mit einer kleinen DDR-Athletengruppe aus dem Trainingslager in Kienbaum in den Westen der geteilten Stadt gereist. Der Wettkampf sollte eigentlich nur als Aufbau für den anstehenden Weltcup dienen.

„Ich stellte bei 1,97 meinen Weltrekord ein und habe mir dann gesagt, jetzt muss du auch mal die zwei Meter probieren“, schilderte Ackermann ihre Gedanken.

Rosemarie Ackermann bezwang als erste Frau die 2-Meter-Marke
Rosemarie Ackermann bezwang als erste Frau die 2-Meter-MarkeRosemarie Ackermann bezwang als erste Frau die 2-Meter-Marke

Mehr als nur ein Hochsprung-Rekord

Ihren Platz in den Geschichtsbüchern sicherte sich Ackermann nicht nur als Rekordbrecherin, sondern auch als letzte Hochsprung-Königin der alten Schule: Während die Konkurrenz längst auf den Fosbury-Flop umgestiegen war, blieb sie ihrer Technik treu. „Den Flop habe ich damals auch probiert. Ich schaffte 1,82 Meter. Aber eine Umstellung wäre zu schwierig gewesen“, erklärte sie.

Die sportliche Sternstunde brachte ihr 1.500 DDR-Mark an Rekordprämie und die Titel „DDR-Sportlerin des Jahres“ sowie „Weltsportlerin 1977″ ein. Die vom Veranstalter angebotenen 10.000 D-Mark – „ein Koffer voller Geld“ – durfte sie aus politischen Gründen nicht annehmen: „Behalten durfte ich lediglich eine Brosche, die es bei der Siegerehrung gab.“

Ackermann haderte immer wieder damit, dass der Zwei-Meter-Sprung die Erinnerung an andere Highlights ihrer Karriere überschattete: Die als Rosemarie Witschas geborene Athletin gewann insgesamt vier EM-Titel (dreimal Halle, einmal Freiluft) und Gold bei Olympia 1976 in Montréal, womit sie die vier Jahre zuvor in München siegreiche Ulrike Meyfarth beerbte.

Nach der Wende trübte die Erkenntnis, dass Ackermanns Name in den Unterlagen des DDR-Staatsdopings auftauchte, den Blick auf ihre Leistungen. In diversen Interviews betonte Ackermann, „dass ich nie wissentlich gedopt habe“.

Nach ihrem Karriere-Ende nach Olympia 1980 in Moskau arbeitete Ackermann – die mit dem Ex-Handballer Manfred Ackermann zwei Söhne großzog – als Binnenhandelsökonomin und später als Sachbearbeiterin bei der Arbeitsagentur in Cottbus. 2015 ging sie in Rente.

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Mit Sport-Informations-Dienst (SID)