VfB-Stürmer Deniz Undav hat in der Nationalmannschaft unter Bundestrainer Julian Nagelsmann keinen leichten Stand. Trotz seines 2:1-Siegtreffers im Testspiel gegen Ghana nach Einwechslung war Nagelsmann nach Abpfiff unzufrieden mit der Leistung seines Stürmers.

Dass Undav trotz seiner starken Vorstellungen beim VfB Stuttgart nicht über die Joker-Rolle hinauskommt, verwundert. Schließlich ist er mit 18 Toren aktuell der beste deutsche Stürmer der Bundesliga, muss nur Bayern-Star Harry Kane (31 Tore) im deutschen Oberhaus den Vortritt lassen.

Kevin Kuranyi (li.) und Stefan Kießling bei einem Testspiel 2008
Kevin Kuranyi (li.) und Stefan Kießling bei einem Testspiel 2008Kevin Kuranyi (li.) und Stefan Kießling bei einem Testspiel 2008© IMAGO/Team 2

Doch der 29-Jährige ist nicht der erste deutsche Stürmer, der sich trotz seiner Treffer wie am Fließband auf Vereinsebene bei der Nationalmannschaft hinten anstellen muss. SPORT1 zeigt seine prominentesten Vorgänger:

Stefan Kießling (6 Länderspiele / 0 Tore)

Das wohl berühmteste Beispiel in dieser Liste: Stefan Kießling. Trotz jahrelanger Treffsicherheit bei Bayer Leverkusen (131 Bundesligatore), dem Gewinn der Torjägerkanone und dem Status als einer der besten Stürmer Deutschlands absolvierte der heute 42-Jährige lediglich sechs Länderspiele. Ein Treffer gelang ihm dabei nicht.

Nach seinem Debüt 2007 unter Joachim Löw sollten bis zum nächsten Einsatz fast zwei Jahre vergehen, für die EM 2008 wurde er nicht nominiert. Und auch beim nächsten großen Turnier, der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika, spielte Kießling trotz 21 Toren in der abgelaufenen Saison nur eine Nebenrolle. Lediglich in zwei Spielen durfte er als Joker ran, spielte gerade einmal 24 Minuten.

13 Tore in der Rückrunde der Saison 2011/12 reichten nicht für eine Nominierung zur EM. Selbst bei Testspielen vertraute der Bundestrainer anderen Spielern. „Ich bin nicht enttäuscht, denn ich habe ohnehin nicht damit gerechnet“, erklärte Kießling im November 2012, nachdem er erneut nicht berufen wurde.

„Seit drei Jahren gab es nie irgendeinen Kontakt oder ein Gespräch, warum es nicht für die Nationalmannschaft reicht“, sagte er ein Jahr später im August 2013. Zuvor, in der Saison 2012/13, war er mit 25 Treffern Torschützenkönig in der Bundesliga geworden. Kießling zog aus der Nicht-Berücksichtigung klare Konsequenzen: „Den Nationalspieler Kießling wird es unter Löw nicht mehr geben!“, kündigte er in der Folge an. Sein letztes Länderspiel bestritt er im September 2010.

Mario Gomez (78 Länderspiele / 31 Tore)

Mario Gomez zählte zwischen 2005 und 2013 zu den besten deutschen Stürmern und Torjägern der Bundesliga. Für den VfB Stuttgart und Bayern München erzielte er 138 Tore, wurde zudem 2011 Torschützenkönig.

Doch im DFB-Dress hatte der heute 40-Jährige große Konkurrenz – allen voran in Person seines Stürmerkollegen Miroslav Klose. So spielte Gomez, der 2007 sein Debüt gab, nach einer eher enttäuschenden EM 2008 beim kommenden großen Turnier in Südafrika nur eine Nebenrolle.

Das Paradoxe: Beim FC Bayern, wo beide zu diesem Zeitpunkt spielten, erwies sich Gomez als der klar torgefährlichere Spieler. In den zwei Jahren, in denen sie dort gemeinsam aufliefen, traf er in 61 Bundesligapartien starke 38-mal. Klose dagegen gelangen lediglich vier Tore in 45 Partien. Doch im DFB-Team erhielt er weiterhin den Vorzug.

Mario Gomez (Nr. 23) und Miroslav Klose bei der EM 2012
Mario Gomez (Nr. 23) und Miroslav Klose bei der EM 2012Mario Gomez (Nr. 23) und Miroslav Klose bei der EM 2012© IMAGO/Sven Simon

Das änderte sich nur zwischenzeitlich. Nachdem Gomez bei der EM 2012 den Großteil der Spiele starten durfte und Zweiter der Torschützenliste wurde, konnte er sich nicht nachhaltig durchsetzen. Aufgrund mehrerer Verletzungen verpasste er zunächst die Qualifikation und schließlich auch den Titelgewinn der DFB-Elf bei WM 2014 in Brasilien. Klose gelangen zwei Turnier-Tore.

2016 und 2018 spielte Gomez erneut bei zwei großen Turnieren mit, doch besonders die WM in Russland wurde für Deutschland zur Katastrophe. Nach dem Ausscheiden in der Gruppenphase gab Gomez im August desselben Jahres seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft bekannt.

Kevin Kuranyi (52 Länderspiele / 19 Tore)

Eine folgenschwere Entscheidung im Jahr 2008 beendete die Nationalmannschaftskarriere von Kevin Kuranyi. Im WM-Qualifikationsspiel gegen Russland saß der damalige Schalke-Stürmer nur auf der Tribüne – Löw hatte ihn nicht für den 18-Mann-Kader nominiert. Aus Trotz verließ Kuranyi das Westfalenstadion in Dortmund.

Löw reagierte prompt und schmiss ihn aus der Nationalmannschaft: „So wie Kevin gestern reagiert hat, kann ich das nicht akzeptieren und werde ihn deshalb in Zukunft nicht mehr für die Nationalmannschaft nominieren.“ Zuvor war Kuranyi unter anderem bei den Europameisterschaften 2004 und 2008 zu insgesamt sechs Einsätzen gekommen.

Ein großer Traum wurde ihm verwehrt: die Heim-WM 2006. Trotz guter Leistungen bei Schalke verzichtete Bundestrainer Jürgen Klinsmann auf Kuranyi. „Es war schlimm, hat so wehgetan, ich war am Boden zerstört“, erklärte er den bittersten Moment seiner Karriere Jahre später in der Sport Bild.

Kuranyi traf von 2002 bis 2010 jedes Jahr mindestens zweistellig in der Bundesliga, erzielte dabei für den VfB Stuttgart und Schalke über 100 Tore. Und dennoch reichte es nie für den ganz großen Sprung im DFB-Dress. Weil auch Löw 2o10 auf Kuranyi verzichtete (der Vorfall 2008 habe keine Rolle mehr gespielt) hat der heute 44-Jährige trotz 52 Einsätzen kein WM-Spiel in seiner Vita stehen.

Ulf Kirsten (51 Länderspiele / 20 Tore)

Ulf Kirsten gehört unbestritten zu den besten deutschen Stürmern der 1980er- und 90er-Jahre. Spätestens mit dem Wechsel zu Bayer Leverkusen 1990 etablierte er sich in der Bundesliga zum Top-Torjäger und ist bis heute Rekordtorschütze (182 Tore) der Werkself. Er sicherte sich zudem insgesamt dreimal die Torjägerkanone, 1997 und 1998 sogar direkt hintereinander.

Doch im DFB-Dress gab es große Konkurrenz: Jürgen Klinsmann, Oliver Bierhoff und Rudi Völler. So blieb Kirsten meist nur die Rolle des Ersatzmannes. Bei den großen Turnieren musste er anderen den Vortritt überlassen. So etwa wurde er bei der Europameisterschaft 1992 und beim Titelgewinn 1996 von Berti Vogts nicht berücksichtigt.

1994 und 1998 gehörte er dann jeweils zum WM-Kader, kam jedoch nur 1998 zu vier Kurzeinsätzen – ohne dabei ein Tor zu erzielen. 2000 wurde er unter dem neuen Bundestrainer Erich Ribbeck erstmals für eine EM nominiert, die mit dem Ausscheiden nach der Vorrunde jedoch zum Debakel wurde. Das letzte Gruppenspiel gegen Portugal war zugleich Kirstens letzter Auftritt im DFB-Dress. Eine tragende Rolle konnte er trotz herausragender Leistungen bei Leverkusen nie spielen.

Martin Max (1 Länderspiel, 0 Tore)

Einen absoluten Extremfall erlebte Martin Max. Lediglich ein einziges Länderspiel kann der Stürmer vorweisen. Im April 2002 durfte er im Testspiel gegen Argentinien für sieben Minuten mitwirken – und das mit 33 Jahren. Damit gehört er bis heute zu den ältesten Debütanten überhaupt.

Martin Max (Deutschland, Nr. 17) in seinem einzigen Länderspiel gegen Argentinien
Martin Max (Deutschland, Nr. 17) in seinem einzigen Länderspiel gegen ArgentinienMartin Max (Deutschland, Nr. 17) in seinem einzigen Länderspiel gegen Argentinien© IMAGO/WEREK

Dabei empfahl er sich in den Jahren zuvor bei 1860 München als zweimaliger Torschützenkönig (2000 & 2002) auch als Kandidat für die Weltmeisterschaft 2002. Doch Teamchef Rudi Völler ließ Max zu Hause, nominierte stattdessen Bayern-Stürmer Carsten Jancker – der kein einziges Tor in der Bundesliga erzielt hatte.

Nur zwei Jahre später war Max mit 20 Treffern erneut bester deutscher Torjäger der Liga. Bundestrainer Michael Skibbe kündigte daraufhin an, den mittlerweile 35-Jährigen im Hinblick auf eine eventuelle EM-Nominierung zu beobachten. Diese Aussagen schmeckten ihm gar nicht: „Man fragt sich doch, ob Skibbe noch alle Tassen im Schrank hat, wenn er so einen Mist erzählt, dass er mich noch mal beobachten will“, sagte Max damals dem Tagesspiegel.

Ein Comeback lehnte Max auch aufgrund der Nicht-Nominierung durch Völler ab: „Vor zwei Jahren war ich super drauf und musste zu Hause bleiben. Jetzt stehe ich am Ende meiner Karriere und soll zur EM. Das macht keinen Sinn.“ Max absolvierte kein Länderspiel mehr.

Frank Mill (17 Länderspiele / 0 Tore)

Frank Mill gehörte ab Anfang der 1980er-Jahre zu den besten Stürmern der Bundesliga. Bis 1992 traf er für Borussia Mönchengladbach und Borussia Dortmund über 100-mal im deutschen Oberhaus. 1989 gewann er mit den Schwarz-Gelben den DFB-Pokal.

Doch in der Nationalmannschaft war er regelmäßig vom Pech verfolgt. Zwischen 1982 und 1988 verpasste er jedes große Turnier, entweder weil er verletzt war, nicht nominiert wurde oder lediglich Ersatzspieler war.

1990 gehörte er zwar dem Weltmeister-Kader an, kam allerdings als vierter Stürmer hinter Völler, Klinsmann und Karl-Heinz Riedle gar nicht zum Einsatz. Daher fühle er sich auch nicht wirklich als Weltmeister. „Ich bin Pokalsieger, kein Weltmeister“, sagte er einmal in einem Interview mit Spox.

Während Mill für die Nationalmannschaft kein einziger Treffer gelingen wollte, ist er bis heute Rekordtorschütze (zehn Treffer) der deutschen Olympia-Mannschaft und dazu Rekordspieler des DFB bei Olympischen Spielen. 1988 gewann er als Kapitän in Seoul die Bronzemedaille. Mill verstarb am 5. August 2025 im Alter von 67 Jahren.