Seine Frau stand beim letzten Sprung seiner Karriere am Trainerposten und winkte ihn mit der Fahne ab. Unten im Zielbereich versammelten sich bereits zahlreiche Kollegen und Freunde, um ihren Nationalhelden gebührend zu verabschieden. Die Rede ist vom polnischen Skispringer Kamil Stoch. Am Sonntag beendete der 38-Jährige seine aktive Skisprung-Karriere im slowenischen Planica.
Sogar Nachwuchsspringer seines eigenen Vereins bildeten im Zielbereich einen Spalier. Nach seinem letzten Wettkampf fasste der scheidende Skispringer seine Gefühlslage knapp zusammen: „Ich bin müde und enttäuscht, dass dieser Wettkampf nicht so gelaufen ist, wie ich es mir gewünscht habe, aber andererseits bin ich froh, dass es nun vorbei ist und ich ein neues Leben beginnen kann.“
Doch nicht nur vor Ort zollten ihm seine Unterstützer den verdienten Respekt. Auch die polnische Presse war voll des Lobes. „Der letzte Sprung eines Giganten des polnischen Sports“, titelte zum Beispiel das Sportportal SportoweFakty. Auch Worte wie „Ikone, Legende, Meister, Symbol des polnischen Sports“, finden sich dort.
Skispringen: Kamil Stoch gewann einfach alles
Der Abschied von Stoch bedeutet für die polnische Nation auch das Ende einer Ära. Lange prägte er mit seinen Erfolgen den polnischen Skisprung-Zirkus. Auch wenn diese Erfolge in der letzten Saison ausblieben, wird man all das, was er in den letzten Jahren erreicht hat, im polnischen Team sicherlich vermissen.
Stoch gewann unter anderem 39 Einzel-Weltcups, drei Olympische Goldmedaillen, zweimal WM-Gold und dreimal die Vierschanzentournee. SportoweFakty schreibt: „Er ist zweifellos der größte polnische Sportler der ersten 25 Jahre des 21. Jahrhunderts.“ Weiter heißt es: „Ein Meister, der das Talent, die Entschlossenheit und die Hartnäckigkeit hatte, das zu erreichen, wovon er schon als Kind öffentlich sprach. Und er hat viel, viel mehr erreicht, denn er hat sich auch die große Liebe der Fans verdient.“
Diese Liebe durfte der 38-Jährige am letzten Tag seiner Karriere noch einmal hautnah spüren.
Planica: Ein ganz besonderer Abschiedsort
Dass Stoch seine letzten Sprünge in Planica absolvierte, passt perfekt in das Drehbuch seiner Karriere. Denn Planica ist für den dreimaligen Olympiasieger bis heute „einer der außergewöhnlichsten Orte der Welt“, schreibt Sport.pl. Denn dort sprang er im Jahr 2017 seine persönliche Bestweite von 251,5 Metern.
Außerdem gewann er im slowenischen Skisprung-Mekka drei Weltcupspringen. Besonders bedeutend war dabei sein Sieg vor 15 Jahren, als er den Abschiedswettkampf von Adam Malysz gewann – der bis dato größte polnische Skispringer.
Als wären das nicht schon genug emotionale Verbindungen zur legendären Skiflugschanze Letalnica, machte Stoch seiner Frau wohl in Slowenien den Heiratsantrag. Bessere Erinnerungen an einen Wettkampfort kann es kaum geben.
Ein Nationalheld wie Adam Malysz
Während seiner Karriere wurde der 38-Jährige immer wieder mit Malysz verglichen, der in Polen Legendenstatus inne hat und inzwischen als Präsident des polnischen Skiverbandes tätig ist. Beide können 39 Einzel-Weltcupsiege aufweisen, beide gewannen die Vierschanzentournee. Zudem holten beide je vier olympische Medaillen.
Während Malysz aber nie Olympisches Gold gewann, ist Stoch dreimaliger Olympiasieger. Den sportlichen Erfolgen nach zu urteilen, hat Stoch seinen Landsmann also sogar überholt. „Es ist klar, dass ich ihn sportlich gesehen um seine olympischen Goldmedaillen beneiden kann“, sagte Malysz einmal nach der ersten Goldmedaille von Stach.
Malysz hatte aus Sicht vieler Polen dafür eine größere gesamtgesellschaftliche Reichweite. „Adam war der Erste. Er startete seinen Erfolg aus dem schlichten, grau-braunen Polen. Aus einem Land, das nach dem Systemwechsel kaum noch atmen konnte. Er riss uns aus dem Unglauben heraus, dass auch wir gewinnen können. Er überzeugte uns davon, dass ein Pole es schaffen kann“, schreibt Sport.pl.
In diese riesigen Fußstapfen zu treten, war für Stoch sicherlich nicht leicht. Nun beginnt für ihn ein neues Kapitel und für Polen das Warten auf einen neuen, konstanten Siegkandidaten. Hoffnung macht der erst 19-Jährige Kacper Tomasiak, der bei seinen ersten Olympischen Spielen in Italien schon drei Medaillen mit nach Hause nahm.
Die polnische Skisprung-Erfolgsgeschichte könnte also auch nach der Ära Stoch ihre Fortsetzung finden.