Das Timing war suboptimal. Erst Anfang vergangener Woche postete Audis Formel-1-Account eine Fotostrecke, die unter anderem Jonathan Wheatley bei der Umarmung mit einem Teammitglied zeigt. Der emotional aufgeladene Text darunter: „Mehr als ein Team.“ Eine Botschaft, die nur wenige Tage später schon nicht mehr aktuell sein sollte.

Denn mittlerweile ist der Teamchef kein Teamchef mehr. Ganz offiziell hat sich Audi via Pressemitteilung von Wheatley verabschiedet. Mit sofortiger Wirkung geht der Mann, der die Renneinsätze an der Strecke sowie die Chassis-Fabrik in Hinwil (Schweiz) leitete. Das tat er übrigens seit dem 1. April 2025. Kein Wunder, dass in der Szene bereits von einem „Aprilscherz“ die Rede ist, auch wenn der Hintergrund deutlich ernster ist.

Nach nicht mal einem Jahr ist Jonathan Wheatleys Zeit bei Audi schon wieder vorbei
Nach nicht mal einem Jahr ist Jonathan Wheatleys Zeit bei Audi schon wieder vorbeiNach nicht mal einem Jahr ist Jonathan Wheatleys Zeit bei Audi schon wieder vorbei© IMAGO/Michael Potts

Wheatleys Abgang: Kein gutes Zeichen für den Rennstall

„Aus persönlichen Gründen“ wolle der Brite das Team nach nur elf Monaten schon wieder verlassen, so die offizielle Erklärung für den überraschend schnellen Abgang. In seiner Heimat Großbritannien winkt die Rolle als neuer Aston-Martin-Teamchef. Ein schlechtes Signal und ein schwerer Rückschlag für Audis Formel-1-Projekt, denn Wheatley brachte nicht nur viel Expertise aus seiner Zeit als Teammanager bei Red Bull mit. Es ist obendrein nie ein gutes Zeichen, wenn Top-Personal eine Mannschaft in Richtung einer anderen verlässt.

„Ich denke, das war schon immer eines der schwierigeren Themen, als es noch Sauber war: die richtigen Leute dafür zu gewinnen“, versuchte sich Ex-Pilot Juan Pablo Montoya bei Racingnews365 an einer Erklärung: „Klar, die Schweiz ist großartig, aber wenn man im Motorsport groß geworden ist und immer im Umfeld in Großbritannien gearbeitet hat, ist es schon ein kleiner Kulturschock, plötzlich woanders zu leben.“

Audi: Hinter dieser Trennung steckt mehr als „Heimweh“

Und damit nicht genug, glaubt man der Analyse des ehemaligen BMW-Stars: „Die Art und Weise, wie Audi und Sauber zusammengearbeitet haben, ist vielleicht etwas zu politisch.“ Die Aussagen deuten an: Hinter der Trennung steckt offenbar mehr als nur Heimweh. So soll es zwischen den beiden Führungsspielern des Formel-1-Projekts mit den vier Ringen schon länger gekriselt haben. 

Nach den ersten beiden Saisonrennen steht Audi bei zwei Punkten in der Gesamtwertung
Nach den ersten beiden Saisonrennen steht Audi bei zwei Punkten in der GesamtwertungNach den ersten beiden Saisonrennen steht Audi bei zwei Punkten in der Gesamtwertung© IMAGO/DeFodi Images

Zur Erinnerung: 2025 übernahm zunächst Mattia Binotto den Chefposten von Andreas Seidl. Der Bayer war Opfer eines internen Machtkampfs mit dem ehemaligen Audi-Technikvorstand Oliver Hoffmann, der nach seinem eigenen Vorstands-Aus im Formel-1-Team zwischengeparkt wurde – und dort noch vor seinem eigenen Abschied und vor Binottos Ankunft Wheatley als Teamchef verpflichtete. Damit hatte Audi plötzlich die nächste Doppelspitze.

Formel 1: Krach zwischen Audi-Teamchefs

Anfang des Jahres verteidigte Audi-CEO Gernot Döllner die Konstellation in der Welt am Sonntag noch mit viel Elan: „Wir haben eine sehr moderne Struktur mit klaren Verantwortlichkeiten und sind überzeugt, dass das funktioniert“, betonte der Vorstand. „Die beiden (Binotto und Wheatley; Anm. d. Red.) sind ein richtig gutes Duo und arbeiten Hand in Hand. Zudem haben wir ganz klare Verantwortungsbereiche, in denen jeweils gewirkt wird.“

Doch genau das soll nicht funktioniert haben. Bei diversen Themen sollen Binotto und Wheatley unterschiedlicher Meinung gewesen sein. Die Differenzen wurden spätestens während des vergangenen Rennwochenendes in China sichtbar: Wheatley bezeichnete den Neuburger Motor in einem Interview als größten Schwachpunkt, während Binotto in einem Gespräch mit L’Équipe die Unzulänglichkeiten des ehemaligen Sauber-Teams hervorhob.

Keine besten Freunde: Jonathan Wheatley und Mattia Binotto
Keine besten Freunde: Jonathan Wheatley und Mattia BinottoKeine besten Freunde: Jonathan Wheatley und Mattia Binotto© IMAGO/Eibner

Schon da war abzusehen, dass die Doppelspitze ihrem Ende entgegensteuert, zumal Binotto sich bereits in der Vergangenheit durchzusetzen wusste. Bei Ferrari gewann er einst einen Machtkampf gegen Ex-Teamchef Maurizio Arrivabene, in Audis Motorenabteilung kam es bereits zu personellen Veränderungen rund um den eigentlich für den Antrieb verantwortlichen Adam Baker, der mittlerweile bei Cadillac tätig ist.

Neuer Audi-Boss arbeitete mit Schumacher

Allein: Die Konzentration auf eine klare Führungsstruktur kann auch eine Chance sein. Binotto hat als Motoringenieur an der Seite von Michael Schumacher bei Ferrari erlebt, wie Jean Todt als starker Teamchef aus einem kriselnden Rennstall ein Weltmeister-Team formte. Es bleibt Audi zu wünschen, dass Binotto einen ähnlichen Weg einschlagen kann.

„Seit 2024 war Mattia verantwortlich für die Transformation des Teams“, heißt es abschließend in der Pressemitteilung. Eigentlich hat sich mit Wheatleys Abschied also gar nicht so viel verändert. Der neue und alte starke Mann bei Audi in der Formel 1 heißt Mattia Binotto.