Von Reinhard Franke
München – Armin Veh hat in diesen Tagen ein Dauergrinsen aufgelegt.
Der 53-Jährige hat in seinem Trainerleben schon viel Positives erlebt. Sein größter Erfolg war ohne Zweifel die Deutsche Meisterschaft 2007 mit dem VfB Stuttgart.
Nach Stationen als Chefcoach beim VfL Wolfsburg, Hamburger SV und Eintracht Frankfurt kehrte er jetzt zu den Schwaben zurück. Und ist glücklich darüber.
Mit dem VfB hat der gebürtige Augsburger viel vor.
Im SPORT1-Interview spricht Veh über seinen neuen Klub, ein gutes Gefühl und verrät, was unabdingbar ist für die Zukunft des Vereins.
SPORT1: Herr Veh, was war der eigentliche Grund für Ihre Rückkehr zum VfB?
Armin Veh: Der primäre Grund war der, dass ich in Stuttgart etwas entwickeln möchte und dass ich dann auch wieder eine Chance haben will, international zu spielen. Und diese Chance sehe ich hier grundsätzlich. Aber ich rede von einer Chance, das heißt nicht, dass es jetzt unser Ziel ist. Klar ist aber auch, dass ich beim VfB natürlich eine Vergangenheit habe. Die Entscheidung hatte natürlich auch mit einem guten Gefühl und den Erfahrungen von damals zu tun. Aber 2007 ist Vergangenheit, ich möchte im Jetzt leben und nach vorne schauen.
SPORT1: Zu Ihrer Zeit bei Eintracht Frankfurt sagten Sie, dass Ihr nächster Klub ein Spitzenverein sein solle. Mit Verlaub, das ist der VfB nicht, wenn man an die letzten Jahre denkt.
Veh: Das habe ich aber auch zu einem Zeitpunkt gesagt, als ich noch nicht an den VfB gedacht habe. Ich habe immer gesagt, dass ich eine Chance haben will, um internationale Plätze zu spielen und in Frankfurt ist mir das ja auch gelungen. Wenn ich die Chance nicht sehe, dann wird es schwer. Beim VfB sehe ich sie grundsätzlich.
SPORT1: Präsident Bernd Wahler und Sportchef Fredi Bobic kündigten an, wieder Millionen in die Hand zu nehmen. War das auch ein Grund für Sie, Ja zum VfB zu sagen?
Veh: Das hatte nicht den maßgeblichen Anteil an meiner Entscheidung. Dass wir mehr Budget als die Eintracht haben und auch etwas investieren möchten, war klar, aber wir haben noch ein paar Wochen Zeit. Das Gute ist, dass wir diesen Druck nicht haben, unbedingt einen Spieler zu holen. Wir denken perspektivisch. Wir haben derzeit eine Mannschaft, mit der wir jetzt auch in die Saison gehen könnten. Ich will mir in den ersten Wochen erst mal ein rundes Bild machen, bevor wir über weitere Spieler sprechen.
SPORT1: In der Vergangenheit lag Bobic bei Neuverpflichtungen nicht immer richtig. Bestes Beispiel war Mohamed Abdelloue. Ist ein funktionierender Transfer überhaupt planbar?
Veh: 100-prozentig kannst du das nie planen, weil das alles mit Menschen zu tun hat. Auch, wenn die Leistung immer stimmt, kann es durchaus sein, dass der Spieler von der Mentalität nicht ganz ins Mannschaftsgefüge passt. Du wirst nie eine komplette Übereinstimmung haben, aber du musst schauen, dass es eine relativ hohe Treffer-Quote gibt. Deshalb ist Personalpolitik bei einem Fußballverein so extrem schwierig.
SPORT1: Der „Stuttgarter Weg“ beinhaltet junge Talente herzuvorbringen. Auf Gedeih und Verderb?
Veh: Was die Jugend angeht, ist es so, dass wir sehr talentierte Spieler haben, da nenne ich nur Timo Werner und Antonio Rüdiger. Wir glauben, dass wir diese Spieler weiterentwickeln können, wenn wir eine gute Mischung mit erfahreneren Spielern haben, die die Jungen mit entwickeln. Das wird unser Weg sein. Aus meiner ersten Zeit beim VfB weiß man ja noch, dass wir einige gute Spieler hervorgebracht haben, wie zum Beispiel einen Mario Gomez oder Sami Khedira. Aber die Talente müssen auch da sein. Und dann muss es das Ziel sein, sie lange im Verein zu halten.
SPORT1: Warum ließ man Rani Khedira zu RB Leipzig ziehen?
Veh: Das wurde von den Personen entschieden, die Rani über lange Zeit begleitet haben. Ich kann Spieler nur endgültig beurteilen, wenn ich sie auch jeden Tag sehe. Aber das ging auch mehr vom Spieler aus, der sich woanders mehr Einsatzzeiten erhofft und den Schritt nach Leipzig zu gehen für seine Entwicklung besser findet. Ich konnte das nicht beurteilen, habe die Entscheidung aber mitgetragen.
SPORT1: Der Unterbau verspricht einiges. Ein Arianit Ferati war mit 16 Jahren schon im letzten Winter-Trainingslager dabei. Über einen Robin Yalcin sagt man, er sei das größte Talent seit Gomez. Was sagen Sie über diese beiden?
Veh: Ferati werde ich mir in unserem zweiten Trainingslager genauer anschauen. Yalcin kann man aber überhaupt nicht mit Gomez vergleichen, weil das völlig verschiedene Spieler sind. Man darf auch einen Timo Baumgartl nicht vergessen. Der kann noch A-Jugend spielen und macht einen richtig guten Eindruck. Wir holen aus der eigenen Jugend richtig viel raus und möchten die Jungs entwicklen. Darüber bin ich natürlich froh. Aber das braucht auch Zeit.
SPORT1: Das trifft auch auf Timo Werner und Antonio Rüdiger zu, die Sie unter keinen Umständen abgeben möchten …
Veh: Nein. Ich sehe da enormes Entwicklungspotenzial. Die beiden können sich beim VfB so weiterentwickeln, dass sie große Spieler werden können. Da wären wir ja blöd, solche Spieler jetzt abzugeben.
SPORT1: Der Verein plant die Ausgliederung der Profiabteilung. Die soll bis zu 40 Millionen Euro freimachen. Wie wichtig wäre das und können Sie die Fans verstehen, die die Tradition des Klubs in Gefahr sehen?
Veh: Aus meiner Sicht ist es unabdingbar, diesen Schritt zu machen. Wir leben in einer Zeit, wo das einfach notwendig ist für die Vereine, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Aber es ist auch wichtig, dass man dann strategische Partner hat, die den Weg mitgehen und begleiten. Die Tradition sehe ich da in keiner Weise gefährdet. Der VfB wird immer ein Traditionsverein bleiben, da kann ich die Fans beruhigen. Ein solcher Schritt ist nichts Negatives. Das beste Beispiel, wie so etwas gehen kann, ist Bayern München. Da wurde die Tradition auch nicht aufgegeben.
SPORT1: Welchen sportlichen Erfolg können Sie den anspruchsvollen VfB-Fans versprechen?
Veh: Wir wollen wieder eine eigene Identität bekommen und attraktiven Fußball spielen. Wenn man zum VfB kommt, dann soll man wissen, was für ein Fußball gespielt wird. Das habe ich in Frankfurt versucht, das werde ich auch in Stuttgart so machen. Mit Platz 15 im letzten Jahr sollten wir aber etwas demütiger sein. Der VfB wurde zuletzt nicht grundlos 15. und 12. Ich bin aber nicht hierhergekommen, um 12. zu werden. Das kann zwar mal passieren, aber das ist nicht mein Ziel.