Ein Zufall wird es kaum gewesen sein, dass ein fünfseitiger Brief mit dem Absender Thomas Bach an genau diesem Donnerstag an gleich mehrere Redaktionen weitergegeben wurde.
Der IOC-Präsident kritisiert darin die Boykottdrohungen des Olympischen Komitees der Ukraine – in einem Tonfall und einer Schwerpunktsetzung, die vor dem Hintergrund der weltpolitischen Lage vielerorts befremdlich ankommt.
Die Ukrainer verstieße „gegen die Grundlagen und Prinzipien der Olympischen Bewegung“, schrieb Bach am 31. Januar an die Adresse des ukrainischen NOK-Präsidenten Wadym Hutzajt.
Bachs Haltung zu dem Ansinnen der Ukraine ist zwar ebenso bekannt wie die Meinung Kiews zum Vorstoß des Internationalen Olympischen Komitees, über eine eingeschränkte Wiedereingliederung von Sportlern aus Russland und Belarus nachzudenken. Das Timing, mit dem der Inhalt des Bach-Briefs verbreitet wurde, konnte aus ukrainischer Sicht dennoch nicht besser sein – denn es bringt seinen Urheber zu einem strategisch für ihn ungünstigen Zeitpunkt in die Defensive.
Brief an die Ukraine taucht Bach in schlechtes Licht
Nur einen Tag später nämlich berieten sich unter britischer Federführung Politiker aus 30 Ländern. Ziel des Sportgipfels am Freitag: Eine gemeinsame Haltung zum IOC-Vorstoß herauszuarbeiten, welcher bei den Olympischen Sommerspielen 2024 in Paris Wettkämpfe zwischen ukrainischen Aktiven und sogenannten „Neutralen“ aus den Angriffsparteien Russland und Belarus ermöglichen könnte.
Der ukrainische Staatspräsident Wolodymyr Selenskyj war per Video zugeschaltet und erneuerte knapp ein Jahr nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine seine ablehnende Haltung gegenüber derartigen Überlegungen.
Eine Teilnahme russischer und belarussischer Athleten käme einer „Manifestation von Gewalt und Gesetzlosigkeit“ gleich, sagte Selenskyj und stellte klar: „Solange Russland tötet und terrorisiert, haben Vertreter dieses Staates keinen Platz in sportlichen und olympischen Wettkämpfen.“
Selenskyj und Bach in scharfem Kontrast
Machtvolle Worte, im scharfen dramaturgischen Kontrast zu den Sätzen von Bach, die vielerorts als – wieder mal – zu nachgiebig gegenüber den Interessen der mächtigen Sportnation Russland und ihres Präsidenten und Kriegsherrn Wladimir Putin wahrgenommen werden.
Bei weitem allerdings nicht jeder, der im Sport und der Politik Strippen zieht, sieht es so – weswegen der Ausgang dieses Sportpolit-Thrillers noch unabsehbar ist.
Eine erste Idee präsentierte im Anschluss der polnische Sportminister. Kamil Bortniczuk schlug einen Start von regierungskritischen Sportlerinnen und Sportlern aus Russland und Belarus im olympischen Flüchtlingsteam vor. Dieser Weg könne „eine Kompromisslösung“ in der Diskussion um die Teilnahme an den Sommerspielen 2024 in Paris sein und einen drohenden Boykott anderer Länder verhindern.
Bach weiß im IOC und außerhalb viele hinter sich
In den vergangenen Wochen und Monaten haben sich zunehmend zwei Lager. Das, welches Bachs IOC hinter sich weiß: Zahlreiche Nationale Olympische Komitees, internationale Fachverbände sowie nicht zuletzt zwei von der Ringe-Organisation wiederholt angeführte Expertinnen der Vereinten Nationen – die der Logik folgen, dass den russischen Athletinnen und Athleten unter neutraler Flagge wieder eine Tür geöffnet werden sollte.
Die Gegenseite, die das als nicht zur Tragweite des Krieges passende Scheinlösung sieht, rekrutiert sich vor allem aus Regierungsvertretern mehrheitlich europäischer Nationen, Athletenorganisationen und westlichen sowie baltischen und natürlich ukrainischen Einzelsportlern.
Bundesinnenministerin sieht Bach auf „völlig falschem Weg“
„Dass das IOC russischen Sportlerinnen und Sportlern offenbar wieder die Tür öffnet und die Teilnahme an den Olympischen Spielen ermöglichen will, ist der völlig falsche Weg“, hatte Bundesinnenministerin Nancy Faeser Ende Januar der FAZ gesagt. Die SPD-Politikerin ergänzte: „Der Sport sollte in seiner Verurteilung des brutalen Krieges, den Wladimir Putin gegen die ukrainische Zivilbevölkerung führt, klar sein. Große Sportereignisse finden nicht im luftleeren Raum statt.“
Bach beteuerte in seinem Brief an das ukrainische NOK zwar, die Teilnahme russischer und belarussischer Athleten sei „noch nicht einmal konkret diskutiert worden“. Immer wieder betont er auch den Neutralitätsgedanken und dass für Kriegspropagandisten die Tür verschlossen bleiben solle.
Den Ukrainern ist das nicht genug. Und sie sind mit ihren Boykottdrohungen längst nicht mehr allein.
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Mit Sportinformationsdienst (SID)