Von Bayer Leverkusen berichtet Andreas Reiners

Leverkusen – Roger Schmidt bekam das Grinsen gar nicht mehr aus dem Gesicht.

Man sah dem Trainer von Bayer Leverkusen alle Emotionen auf einmal an. Erleichterung. Freude. Aber vor allem Stolz.

Denn beim 4:0 im Rückspiel der Champions-League-Qualifikation gegen den FC Kopenhagen wurde deutlich: Schmidt hat der Werkself ein ganz neues Gesicht verpasst. Ein schöneres. Und gleichzeitig auch noch ein erfolgreicheres (

).

„Wir haben vom ersten Tag an versucht, alles umzustellen. Nicht langsam, sondern sofort, zu einhundert Prozent. Und jetzt sieht man, dass wir von der Spielweise profitieren“, sagte Schmidt nach dem ebenso sportlich wie wirtschaftlich wichtigen Einzug in die Gruppenphase der Königsklasse.

Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Knapp sieben Wochen Vorbereitung standen dem neuen Coach zur Verfügung, zahlreiche Trainingseinheiten und einige Testspiele, um das neue System mit viel Dynamik und frühem Pressing zu verinnerlichen.

Über den Blitzstart mit vier Siegen in vier Pflichtspielen holte sich seine Mannschaft dann das nötige Selbstvertrauen, um den offensiven Power-Fußball auch noch erfolgreich umzusetzen.

Und die Leverkusener werden langsam aber sicher zu echten Blitzstartern: Im DFB-Pokal fiel die Führung nach 65 Sekunden, beim Sieg in Dortmund nach rekordträchtigen neun und gegen Kopenhagen nach wiederum nur 69 Sekunden.

Kein Zufall, sondern volle Absicht. Das aggressive Pressing zwingt den Gegner früh zu Fehlern, die Bayer dann eiskalt ausnutzt.

„Wir wollen ja nicht nur so spielen, weil wir so spielen wollen. Sondern wir wollen auch erfolgreich sein. Die Mannschaft spürt, dass sie das dominant macht und dass ihr das eine Stärke und eine richtige Waffe gibt“, so Schmidt.

In der Tat: In der vergangenen Saison wurde Bayer gerne einmal eine fehlende Siegermentalität unterstellt. Entscheidende Spiele wurden nicht nur verloren.

Die Werkself hinterließ dabei auch teilweise ein jämmerliches Bild. Fehlende Körpersprache. Fehlender Siegeswillen. Gemütlichkeit in der Komfortzone, ohne Gier nach Titeln, so die zumeist berechtigten Vorwürfe (DATENCENTER: Champions League).

Es scheint inzwischen jedoch, als träfe Schmidt den richtigen Ton.

Denn bis auf die Zugänge Hakan Calhanoglu, Tin Jedvaj und Karim Bellarabi stand gegen Kopenhagen die Mannschaft auf dem Platz, die sich in der vergangenen Saison in der Champions League gegen Manchester United (0:5) und Paris St. Germain (0:4) sowie im DFB-Pokal gegen Kaiserslautern (0:1) blamierte und in der Rückrunde fast noch den Europapokal verspielte.

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„Wir wollen ein anderes Gesicht zeigen. Jeder hat die Bereitschaft und die Mentalität, Spiele gewinnen zu wollen. Wir sind eine geile Mannschaft und haben eine super Mentalität auf und neben dem Platz“, sagte der zweifache Torschütze Stefan Kießling, der wohl am meisten vom neuen System profitiert.

Neun Tore in vier Pflichtspielen – die Ausbeute des Torjägers kann sich sehen lassen.

„Das System tut mir gut. Wenn wir vorne die Bälle erobern, hat man nicht so einen langen Weg zum Tor“, so Kießling.

Ist die Mannschaft denn selbst überrascht, wie früh es in der Saison schon rund läuft?

„Eine gewisse Unsicherheit war natürlich da. Die Ansätze waren gut und deshalb war ich mir sicher, dass wir ein relativ hohes Niveau haben“, sagte Kapitän Simon Rolfes: „Es gibt immer noch Dinge, die wir verbessern können, wir haben aber schon ein recht hohes Niveau erreicht.“

Deutlich wurde gegen Kopenhagen aber auch: In der Defensive ist Bayer aufgrund des frühen Pressings anfällig.

„Dann hast du das Risiko, dass du selbst etwas zulassen musst. Wichtig ist, dass wir auch die ganze Saison über attraktiven Fußball spielen und dann die Punkte einfahren“, forderte Sportdirektor Rudi Völler.

Zudem bleibt die Frage, ob die Mannschaft die kraftraubende Spielweise eine ganze Saison über auf hohem Niveau halten kann. Doch dafür hat sich der Verein auch in der Breite verstärkt. Ist Kießling müde, kommt eben ein Josip Drmic ins Spiel.

Aber: „Wir müssen viel und schnell laufen. Wenn einer nicht mitmacht, dann haben wir ein Problem“, bestätigte Rolfes. Das neue Leverkusener Selbstvertrauen offenbarte der Routinier dann aber beim Wunschgegner für die Auslosung heute (ab 16 Uhr im LIVE-BLOG): „Real Madrid hätte ich ganz gerne.“

Gut möglich, dass gleich zwei Hochkaräter zugelost werden, immerhin befindet sich Bayer nur in Lostopf drei. Neben Real winken Klubs wie der FC Barcelona, FC Arsenal, Juventus Turin oder Manchester City.

Schmidt hatte vor dem Kopenhagen-Spiel hinsichtlich des geringen Zuschauer-Interesses sowieso angekündigt: „Wir werden uns im Verlauf der Saison verdienen, vor ausverkauftem Haus zu spielen.“

Gegen die Dänen waren nur 23.321 Fans im Stadion. Das könnte sich schneller ändern als gedacht.