Der VfB Stuttgart ist seit sieben Spielen in der Bundesliga sieglos, steht nicht von ungefähr auf Abstiegsplatz 17. (DATEN: Die Tabelle der Bundesliga)

Gegen den VfL Bochum sind die akut abstiegsgefährdeten Schwaben zum Siegen verdammt.

Auf den Relegationsplatz haben die Stuttgarter bereits vier Punkte Rückstand und mit einer Tordifferenz von -16 die drittschlechteste Bilanz aller Mannschaften.

Keine guten Vorzeichen. Dem Traditionsverein droht der dritte Bundesliga-Abstieg in sechs Jahren.

SPORT1 gibt Aufschluss, warum sich die Überraschungsmannschaft der Vorsaison im freien Fall befindet.

Großer Aderlass und Unerfahrenheit bei den jungen Wilden

Im deutschen Oberhaus ist der VfB mit einem Durchschnittsalter von 22,5 Jahren die jüngste Mannschaft vor RB Leipzig (24,2) und dem VfL Wolfsburg (24,6). (DATEN: Ergebnisse und Spielplan der Bundesliga)

Während die jungen Wilden in der Vorsaison noch unbekümmert aufspielten und als Tabellenneunter nur knapp die Europapokal-Plätze verpassten, stoßen die unerfahrenen Schwaben in der bekanntermaßen schweren zweiten Spielzeit an ihre Grenzen.

Kein Wunder, sind doch 13 Spieler im Kader 21 Jahre alt oder noch jünger. Von den Leistungsträgern kann wirklich nur Wataru Endo (29) langjährige Erfahrung vorweisen – die nächstälteren Philipp Förster, Eric Thommy (beide 27) und Atakan Karazor (25) sind im besten Falle Ergänzungsspieler.

Die Verkäufe von Torwart Gregor Kobel (zum BVB) und Nicolás González (zur Fiorentina) schmerzen sehr, auch wenn sie viel Geld in die Kasse spülten. Umso überraschender waren dann auch noch die Winter-Abgänge von Hamadi Al Ghaddioui (31), Philipp Klement (29) sowie Marc Oliver Kempf (27).

Einen Anführer sucht man beim VfB vergeblich, seitdem Ex-Kapitän Gonzalo Castro keinen neuen Vertrag in Bad Cannstatt erhielt und in Bielefeld anheuerte. Gerade jetzt im Abstiegskampf bräuchten die jungen Wilden aber Castros Ruhe, Orientierung und Erfahrung von 414 Bundesliga-Spielen.

Zu viele leichte Fehler in der Defensive

Der neue Spielführer Endo steckt zudem in einem großen Formtief und ist nicht gerade als Lautsprecher auf dem Platz bekannt. Der Nebenmann des Japaners im defensiven Mittelfeld, Orel Mangala, tut es ihm gleich.

Gegen Bayer Leverkusen wurde der VfB zuletzt mehrmals ausgespielt, kassierte aber auch den schon fast obligatorischen Standard-Gegentreffer durch Amine Adli. Insgesamt wurden die Stuttgarter in dieser Saison bereits zwölf Mal nach ruhenden Bällen überwunden.

Zusätzlich zu den viel zu vielen Standard-Gegentoren haben die Schwaben auch noch allergrößte Probleme bei gegnerischen Kontern. Der VfB kassierte nach schnellen Gegenangriffen die meisten Gegentreffer aller Teams (10)!

Das muss sich gegen Bochum ändern. Der Aufsteiger zeigte beim 4:2-Erfolg gegen Bayern eindrucksvoll seine Konter-Qualitäten und zählt in diesem Bereich mit sechs Toren zu den besseren Mannschaften der Bundesliga.

Die Ausgangslage ist knifflig: Der VfB muss angesichts der Tabellensituation offensiv agieren, während der VfL aus einer stabilen Defensive auf seine Konterchancen lauern kann. (NEWS: Alle aktuellen Infos zur Bundesliga)

Keine Torgefahr, Matarazzos Taktik entschlüsselt

Und da liegt das Problem: Die Schwaben sind vor dem Tor zu harmlos. Nach 22 Spieltagen stehen gerade mal 26 Treffer auf dem Konto. Der torgefährlichste VfB-Profi ist Konstantinos Mavropanos mit vier Toren – ein Innenverteidiger!

Während in der Vorsaison noch auf González (sechs Tore), Silas Katompa Mvumpa (elf) und Sasa Kalajdzic (16) Verlass war, sind nach Mavropanos Förster, Omar Marmoush, Roberto Massimo und Winter-Neuzugang Tiago Tomas mit je zwei Toren die treffsichersten. Zu wenig.

Zur Verteidigung muss aber erwähnt sein, dass Silas aufgrund eines Kreuzbandrisses und Kalajdzic aufgrund einer Schulterverletzung fast die komplette Hinrunde ausfielen. Dass die beiden Offensiv-Akteure aber nun explodieren, ist kaum zu erwarten.

Stille in der Führung

In Krisenzeiten ist es unabdingbar, Ruhe zu bewahren. Doch beim VfB ist es viel zu ruhig. Nachdem letztes Jahr der Machtkampf zwischen VfB-Präsident Claus Vogt und dem Vorstandsvorsitzenden Thomas Hitzlsperger für Schlagzeilen gesorgt hatte, bemüht sich Sportdirektor Sven Mislintat nun vorwiegend darum, Ruhe zu bewahren.

Von Hitzlsperger hört man kaum noch etwas. Sein Abgang in diesem Jahr ist so gut wie sicher. Deshalb betont der neue starke Mann auch gebetsmühlenartig, dass der eingeschlagene Weg der richtige sei. Der Klub müsse sich wirtschaftlich konsolidieren, die Spieler seien gut genug, so Mislintat.

Und weiter: „Es ist eine Aufgabe, die Klasse zu halten. Aber wenn wir das schaffen – und selbst wenn wir scheitern – werden wir uns in vielen Themen weiterentwickeln, auch im Thema Führung. Nur in Krisen kommen die Jungs nach vorne, die automatisch führen können. Die kaufst du nicht ein.“

Ex-VfB Profi Christian Träsch äußert sich im Sport1-Interview über einen möglichen Abstieg des VfB Stuttgarts, Trainer Pellegrino Matarazzo und Sportdirektor Sven Mislintat.

Ex-VfB Profi Christian Träsch äußert sich im Sport1-Interview über einen möglichen Abstieg des VfB Stuttgarts, Trainer Pellegrino Matarazzo und Sportdirektor Sven Mislintat.

Das Festhalten am eingeschlagenen Weg und an Trainer Pellegrino Matarazzo ist aller Ehren wert, aber auch riskant. Wenn die junge Mannschaft aber diese Krise meistert und den Abstieg abwendet, dann wäre diese Erfahrung in Mislintats Worten ein großer Entwicklungssprung, der nicht zu bezahlen ist. (INTERVIEW: „VfB und Kovac – das könnte passen“)

Nichtsdestotrotz zählt gegen Bochum nur ein Sieg. Dafür spricht: In den letzten Jahren taten sich die Bayern-Bezwinger im Spiel darauf immer schwer: Keine der letzten acht Mannschaften, die gegen den Rekordmeister gewann, fuhr im Ligaspiel darauf einen Sieg ein (drei Remis, fünf Niederlagen). Immerhin ein Hoffnungsschimmer beim kriselnden VfB.

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