Es war eine Todesnachricht, die Fans wie Kollegen gleichermaßen bestürzte und fassungslos macht.

Mit Tim Lobinger verstarb einer der charakterstärksten Sportler, die Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten hervorgebracht hat

Sein Tod, den der gerade mal 50 Jahre alt gewordene frühere Weltklasse-Athlet vor wenigen Monaten selbst hatte nahen sehen, sorgte für Trauer quer durch die Republik.

Dabei waren es längst nicht nur Leichtathleten, die ihrem früheren Kollegen nach schwerer Leukämie-Erkrankung die letzte Ehre erwiesen. (NEWS: So trauert die Sportwelt um Lobinger)

Bestürzung nach Tod von Tim Lobinger

Eine ganz besondere Beziehung pflegte Joshua Kimmich zu dem einstigen Stabhochspringer-Ass. Die beiden hatten sich 2013 bei RB Leipzig, wo Lobinger von 2012 bis 2016 als Athletiktrainer angestellt war, kennengelernt.

„Jede einzelne Erinnerung an unsere gemeinsame Zeit lässt mich nicht nur lächeln, sondern macht mich von ganzem Herzen glücklich“, schrieb der Fußballstar des FC Bayern bei Instagram. „Ich bin dir unendlich dankbar für alles“

Nun ist der Perfektionist und mitunter auch höchst streitbare Charakterkopf tot.

Lobinger hatte als Athlet das Image des Sonnyboys, der einerseits empathisch war, sich andererseits aber auch durch nichts und niemanden unterkriegen ließ.

Und dabei nahm er auch in Kauf, gewaltig anzuecken. Manche warfen dem Mann, der als erster Deutscher die magische Sechs-Meter-Marke übersprang, auch einen Hang zur Selbstinszenierung vor.

Lobinger: „Da darf man schon mal explodieren“

Legendär ist eine Anekdote aus dem Jahr 2003, als sich der damals 31-Jährige, seinerzeit beim ASV Köln aktiv, beim Weltcup-Finale in Monaco dazu hinreißen ließ, seinen nackten Hintern zu entblößen und ihn dem Kampfgericht zu präsentieren.

Zuvor war Lobingers Sprung über 5,86 Meter als ungültig gewertet worden, weil er beim Überqueren die Sprunglatte mit der Hand auf den Aufleger zurückgeschoben hatte – eine artistische Meisterleistung zwar, die allerdings nicht dem Reglement entsprach.

Tim Lobinger jubelte 2003 in Monaco bei seinem Sieg im Stabhochsprung mit heruntergelassener Hose
Tim Lobinger jubelte 2003 in Monaco bei seinem Sieg im Stabhochsprung mit heruntergelassener HoseTim Lobinger jubelte 2003 in Monaco bei seinem Sieg im Stabhochsprung mit heruntergelassener Hose

Was folgte: Lobinger hob sich den dritten und letzten Versuch für die 5,91 Meter auf, überquerte die Latte schließlich ohne Beanstandungen – und gewann. Anschließend zog er blank.

„Ich habe in diesem Jahr schon so viel schlucken müssen, da darf man schon mal explodieren“, rechtfertigte er sich später – und fand seine „nicht geplante“ Aktion in Ordnung: „Ich bereue es nicht.“

Ein Leisetreter war Lobinger, der Hallenmeister von 1998, dem eine Medaille bei Olympischen Spielen (1996, 2004 und 2004) stets verwehrt blieb, ohnehin nie.

Konnte der Gegenwind noch so anschwellen. Ob es hinterher eine Geldstrafe gab, wie im Fall des Po-Eklats oder nur kritische Worte – Lobinger juckte das wenig.

Lobinger hinterlässt Eindruck bei Let‘s Dance

Als Erklärungsmuster diente dann auch der Verweis, unter enormer Anspannung gestanden zu haben: „Da staut sich etwas auf, dass man den blanken Tatsachen mal ins Auge sehen muss.“

Nachhaltig böse sein konnte Lobinger aber eigentlich niemand.

Olympiasieger Dieter Baumann, ebenso streitbarer Charakterkopf wie Lobinger, hat nur gute Erinnerungen an seinen früheren DLV-Kollegen. „Ich habe den Tim von klein auf erlebt, wir hatten immer ein Verständnis füreinander“, sagte der ehemalige Weltklasseläufer der dpa. „Es ist ein großer Verlust, er war ein großartiger Kollege und super Typ, immer positiv.“

Lobinger suchte die Herausforderung auch nach seiner aktiven Kariere. 2011 nahm er an der der RTL-Show „Let‘s Dance“ teil – und hinterließ dort genauso Eindruck, wie es ihm zuvor mit dem Stab gelungen war.

Joachim Llambi, Juror der beliebten TV-Show, wandte sich nun auch mit emotionalen Worten an die Öffentlichkeit: „Die Let‘s Dance Familie trauert um Tim Lobinger! 2011 war Tim ein toller und liebenswürdiger Kandidat in unserer 4. Staffel.“

„Gewünscht, du hättest dem scheiß Krebs den nackten Hintern gezeigt“

Profitänzerin Isabel Edvardsson, mit der Lobinger agiert hatte, verabschiedete sich mit einem rührenden Post bei Instagram.

„Es ist so unglaublich traurig in so jungen Jahren gehen zu müssen. Ich bin sehr stolz auf Deine Leistung bei Let‘s Dance im Jahr 2011″, schrieb die Schwedin.

Auch wegen solcher Auftritte war Lobinger, der 2018 ein Buch über seine Erkrankung (“Verlieren ist keine Option“) veröffentlichte, weit außerhalb des Sportkreises bekannt und beliebt.

„R.I.P. Tim, du bist dir immer treu geblieben“, schrieb der frühere Sprinter Marc Blume.

Und fügte an: „Ich hätte mir gewünscht, du hättest dem scheiß Krebs den nackten Hintern gezeigt. Mach es gut, alter Freund.“

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