VonFlorian Bogner

München – Joachim Löws Geburtsort Schönau hat seit kurzem ein neues Ortsschild.

Mit Billigung des Bürgermeisters hat ein Radiosender aus Schönau „Löwnau“ gemacht – nicht die einzige Huldigung des Weltmeistertrainers tief im Schwarwald.

Der FC 08 Schönau denkt ernsthaft über die Umbenennung der Heimspielstätte in „Joachim-Löw-Stadion“ nach und dem Gemeinderat wurde angetragen, doch eine Straße nach Löw zu benennen.

Vielleicht wäre ein Abstecher in den Schwarzwald für Löw jetzt, da er Urlaub hat, gar nicht so schlecht.

Weg von den Menschenmassen, Abstand von der WM gewinnen – und die Entscheidung reifen lassen, ob er denn nun Bundestrainer bleiben möchte.

Löw zögert

Viel Grund, daran zu zweifeln gibt es nicht. Eigentlich. Kurz nach dem Titelgewinn, noch in Brasilien, hatte Löw mehrfach auf seinen einen gültigen Vertrag bis 2016 verwiesen. (SPORT1-EINWURF: Unbefristeter Vertrag für Joachim Löw).

Auf der Fanmeile in Berlin jedoch zögerte er plötzlich.

Vor den 400.000 Fans präsentierte sich der Bundestrainer beinahe schüchtern, musste von Teammanager Oliver Bierhoff ganz nach vorne an den Rand des Podestes geschubst werden, wo er nur kurz das Bad in der Menge genoss, die Siegerfaust zeigte und mit beiden Armen schwingend zur La Ola aufforderte.

„Jogi, Jogi, Jogi, Jogi“, schallte es ihm da bereits entgegen ().

In acht Wochen geht’s weiter

Der Aufforderung des Moderators, sich vom Fleck weg bis 2016 als Bundestrainer festnageln zu lassen, kam er jedoch nicht nach.

Löw wand sich um ein klares Bekenntnis, bedankte sich lieber bei den Fans. „Wir sind alle Weltmeister!“, rief er und verschwand vom vorderen Teil der Bühne.

Offensichtlich hatte es auf dem Flug von Rio nach Berlin bereits in ihm zu rumoren begonnen.

Und wohl die Entscheidung getroffen, sich nicht vorschnell von Emotionen leiten zu lassen. Ein wenig warten zu wollen. Abstand zu gewinnen (BERICHT: Weltmeister! Und nun?).

Acht Wochen bleiben, bis es für die Nationalmannschaft wieder los geht. Am 3. September kommt es in Düsseldorf zur Final-Revanche gegen Argentinien.

Entschieden haben muss sich Löw freilich deutlich früher – zumal man beim DFB fest davon ausgeht, dass er weitermacht.

„Keinen anderen als Joachim Löw“

In der „Sport Bild“ sprach Präsident Wolfgang Niersbach jedenfalls von „null Anzeichen dafür, dass er schon vorher aufhört“.

Ebenso meinte er: „Wir sind klar ausgerichtet auf September. Ich sehe keinen anderen Bundestrainer auf der Bank sitzen als Joachim Löw. Die Richtung ist die EM 2016 in Frankreich.“

Der Präsident erinnerte Löw: „Wir haben einen klaren Vertrag.“

Niersbachs Steilvorlagen für einen Rückzug

Im Überschwang seiner Gefühle als Löw-Fan Nummer eins gab Niersbach aber auch Steilvorlagen für einen Rückzug des Bundestrainers ab. Weil er immer wieder betonte, wie einzigartig dieser WM-Titelgewinn sei.

Niersbach sagte beispielsweise: „Die Mannschaft ist jetzt auf dem Gipfel angekommen“ – und von einem solchen geht’s bekanntlich nur abwärts.

Und er sagte auch: „Er ist der erste Trainer, der es mit einer europäischen Mannschaft geschafft hat, in Südamerika ein WM-Turnier zu gewinnen. Mehr geht ja nun wirklich nicht.“

Die Möglichkeit besteht, dass Löw nun auch zu der Erkenntnis kommen könnte, dass mehr nicht geht.

Löw und das „emotionale Loch“

Wie es dem Bundestrainer in der Zeit nach einem Turnier geht, hatte er bereits vergangenen Herbst recht anschaulich verraten.

„Nach Turnieren – selbst 2006, als ich noch Co-Trainer war – falle ich jedes Mal in ein emotionales Loch. Man fokussiert sich ein halbes Jahr völlig auf ein Turnier, ist ständig angespannt, ständig konzentriert“, sagte er da, „das zu verarbeiten, braucht ein, zwei Monate Zeit. Da bin ich sehr froh, wenn ich mal nichts mit Fußball zu tun habe.“

Schon damals vermutete er, dass davor nicht einmal der WM-Titel schützen werde.

„Selbst das würde nicht gegen eine Leere im Kopf helfen. Wenn acht Wochen Anspannung abfallen, gehst du energetisch auf den Nullpunkt zu. Das hat mit Erfolg und Misserfolg nichts zu tun.“

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Gute Grunde, um weiterzumachen

Auf der anderen Seite gibt es aber auch genügend Argumente, weiterzumachen. Da wäre zum einen die Tatsache, dass 15 der Weltmeister Jahrgang 1988 oder jünger sind, also erst bei der WM 2018 gerade mal die 30-Jahre-Grenze reißen werden.

„Wir haben das Potenzial, mit dieser Mannschaft auch in den kommenden Jahren in der Weltspitze vertreten zu sein“, sagte Löw, der zudem betonte, immer noch Spaß an seiner Aufgabe zu haben.

Dazu hat der 54-Jährige durch seine vielen richtigen Entscheidungen vor und während der WM nun Rückenwind ohne Ende. Die Nation liebt ihren Bundes-Jogi, die Spieler noch mehr.

„Sein Coaching war überragend. Weltklasse-Spieler wie Schweinsteiger, Khedira oder Mertesacker plötzlich auf die Bank zu setzen, kann zum Problem werden, wenn das nicht vernünftig kommuniziert wird“, sagte Niersbach.

Doch Löw formte eine Einheit nach seinem Geschmack, die Spieler folgten ihm aufs Wort.

DFB liegt Löw zu Füßen

Und letztlich: Endlich einmal zwei Jahre auf ein Turnier ohne ständige Nörglerei der Öffentlichkeit hinarbeiten zu können, über allen Zweifeln erhaben zu sein, hat durchaus auch seine Reize.

„Wir haben die Riesenchance, diesen Schwung mitzunehmen“, sagte Teammanager Oliver Bierhoff, „wir dürfen nicht still halten.“

Zu guter Letzt liegt Löw der DFB nun vollends zu Füßen. Wer Hansi Flick als Co-Trainer beerbt, darf Löw ganz allein bestimmen.

Als Kandidaten gelten die wie er aus Südbaden stammenden DFB-Trainer Frank Wormuth und Marcus Sorg.

Damit hat Löw auch die Chance, einen Nachfolger für sich aufzubauen. So wie er auf Jürgen Klinsmann, Jupp Derwall einst auf Helmut Schön und Schön auf Sepp Herberger gefolgt war.

Herberger, Schön, Beckenbauer, Löw

Niersbach stellte den Weltmeister-Trainer auf der Siegesfeier in Rio de Janeiro mit feuchten Augen „in eine Reihe mit Sepp Herberger, Helmut Schön und Franz Beckenbauer“. Quasi in den DFB-Olymp.

Würde Löw auch noch die EM gewinnen, wäre er gar der erfolgreichste Bundestrainer aller Zeiten – auch reizvoll.

„Später mal im Schaukelstuhl…“

Erstmal wird Löw aber ausspannen. „So richtig realisieren kann man’s wahrscheinlich erst, wenn man mal zuhause ein paar Tage Abstand genommen hat“, sagte er, von einer tiefen Zufriedenheit erfüllt.

„Wenn du morgens aufwachst und das erste, was dir einfällt, ist: Wir haben den Titel, wir haben den Pokal! Dann ist das ein wahnsinnig gutes Gefühl.“

Weltmeister – das wird ihm immer bleiben. Egal, was kommt. Egal, wie er sich entscheidet.

„Wenn ich später mal auf meiner Veranda im Schaukelstuhl sitze, werde ich immer wieder dran denken.“

Richtig so.