Von Frank Hellmann
Mainz – Auf das Lied sind sie richtig stolz. Stadionsprecher und Einpeitscher Klaus Hafner scheint förmlich zu beben, wenn von den steilen Tribünen geträllert wird: „Wir sind nur ein Karnevalsverein!“
Dabei ist der FSV Mainz 05 längst viel mehr: nämlich einer der besten Ausbildungsvereine der Liga. Für Trainer und Spieler.
Nachdem Jürgen Klopp von hier aus zu Borussia Dortmund ging, kam nun Thomas Tuchel auf den Markt.
Allerdings anders, als sich alle das vorstellten. Der unschöne Abgang vermieste vielen die Feierstimmung am letzten Spieltag, als der Europapokal-Einzug gefeiert wurde. (SHOP: Jetzt Bundesliga-Fanartikel kaufen)
Doch bevor die Europa League richtig begann, leisteten sich die Mainzer wieder einen dicken Ausrutscher. In diesem Jahr scheiterte Mainz in der dritten Qualifikationsrunde kläglich an den Griechen von Asteras Tripolis (1:0, 1:3).
Vor drei Jahren waren die Rumänen Gaz Metan Medias eine zu hohe Hürde. Ein Stimmungsdämpfer zur Unzeit.
Geht es auch im DFB-Pokal beim Chemnitzer FC schief und misslingt der Liga-Start beim SC Paderborn, dann wäre Alarmstimmung.
Manager Christian Heidel hatte in der Sommerpause so viel Arbeit, dass er kurzfristig seine lange geplante Brasilien-Reise zur WM mit guten Kumpels absagen musste.
Noch immer werden ihm die besten Spieler weggekauft. Leider auch von der Konkurrenz, die viel schlechter wirtschaftet als der finanziell kerngesunde Klub aus der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt.
SPORT1 stellt Mainz 05 vor.
Mit Nicolai Müller, der den Lockrufen des Hamburger SV erlag, und Eric-Maxim Choupo-Moting, der ablösefrei zum FC Schalke 04 ging, verloren die Nullfünfer ihre wichtigste Waffe: die Flügelzange, die so viel Tempo, Tricks und Technik zu bieten hatte.
Zusammen waren die beiden für 19 Tore verantwortlich. Auch Rechtsverteidiger Zdenek Pospech war ein Garant. Neu sind dafür der serbische Offensivmann Filip Djuricic (Benifica Lissabon), der aber noch Nachholbedarf hat.
Der chilenische WM-Fahrer Gonzalo Jara (Nottingham Forest) braucht auch noch Zeit ? oder hat der Verteidiger nicht verdaut, im Achtelfinale den letzten Elfmeter vergeben zu haben?
Auf seiner Position kann auch der aus Fürth verpflichtete Daniel Brosinski spielen. Mit Stefanos Kapino (Panathinaikos Athen) ist noch der dritte WM-Keeper Griechenlands gekommen. Nach weiteren Verstärkungen wird gesucht.
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Kapser Hjulmand hieß die Überraschungslösung, die bereits am 23. Juni seine Arbeit aufnahm. Ihn stöberte Manager Christian Heidel beim FC Nordsjaelland auf, weil der 42-Jährige den Nischenverein nach oben führte.
Hjulmand gilt als gewiefter Analytiker, ist aber ein anderer Typ als sein Vorgänger. Wo Tuchel aus der Haut fuhr, entgegnet er: „Ich darf nicht nach 15 Minuten explodieren.“
Die Aufgabe des dreifachen Familienvaters wird nicht einfach: Die Gefahr ist groß, dass sich die Profis bei einem antiautoritären Vorgesetzten wie ihm unbewusst zurücklehnen, weil der ewig fordernde und mitunter auch nervige Tuchel weg ist.
Trotzdem dürfte ihm nicht das passieren wie einst Jörn Andersen: Der verlor vor fünf Jahren noch vor dem ersten Bundesligaspiel seinen Job.
Es gibt keine echten Stars. Aber: Nikolce Noveski geht als Identifikationsfigur durch: Der Innenverteidiger ist immer loyal und seit zehn Jahren als Profi in Mainz tätig.
Entsprechend beliebt ist der 35-Jährige. Einen ähnlichen Status hatte sich Pospech erworben, der so aufregend gut spielte, dass ihn die Fans in der vergangenen Saison regelmäßig auf den Zaun baten.
Den größten (internationalen) Bekanntheitsgrad besitzen die Asiaten: allen voran der japanische Torjäger Shinji Okazaki und der südkoreanische Gestalter Ja-Cheol Koo.
Vor einigen Wochen sagte Heidel: „Wir haben eine richtig gute Mannschaft: Ich kann keinen Qualitätsverlust erkennen ? im Gegenteil.“
Nach dem peinlichen Aus in der Europa-League-Quali weiß der 51-Jährige, dass ohne weitere Verstärkungen die Abgänge nicht aufzufangen sind.
Sonst droht das, was dieser stimmungsvolle Standort eigentlich nicht mehr erleben will: Abstiegskampf.
Die Zielsetzung ist ansonsten dieselbe wie immer. Heidel: „Unser Ziel ist kein Tabellenplatz, sondern die Entwicklung der Mannschaft. Kloppo hat so gedacht, Thomas hat so gedacht. Und dafür haben wir auch Kapser geholt.“
Für Mainz scheint es unmöglich die letzte überaus erfolgreiche Saison unter Tuchel zu wiederholen.
Auf vielen Ebenen droht eine gewisse Ernüchterung. Viel wäre schon gewonnen, wenn das Team nicht in Abstiegsgefahr gerät. Und der neue Trainer am Saisonende immer noch da ist.